Extremismus

Schwester von NSU-Opfer geht nicht zu Gauck

Angehörige fordern Aufklärung statt Betroffenheit

Vor dem Treffen von Bundespräsident Joachim Gauck mit Angehörigen von Opfern der Neonazi-Terrorzelle ist es zu Unstimmigkeiten gekommen. Die Schwester eines Ermordeten hat die Einladung abgelehnt. Wie Medien berichteten, schreibt die Schwester des in Hamburg ermordeten Süleyman Tasköprü in einem Brief, sie fühle sich allein dem Besuch beim Bundespräsidenten nicht gewachsen. Deshalb wollte sie sich von ihrer Anwältin begleiten lassen. Das habe das Bundespräsidialamt aber abgelehnt.

„Sie möchten nur Ihre Empathie ausdrücken, aber keine Anwälte auf diesem Treffen“, schrieb die 38-jährige Aysen Tasköprü laut „Tagesschau.de“ an Gauck. Betroffenheit helfe ihr nicht. Vielmehr solle Gauck sich um Antworten zu den Skandalen im Zusammenhang mit den Neonazi-Morden kümmern. „Wer sind die Leute hinter dem NSU? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum?“

Auch dem „Hamburger Abendblatt“ liegt der Brief vor. „Ihnen, Herr Bundespräsident, ist mein Bruder doch nur wichtig, weil der NSU ein politisches Thema in Deutschland ist“, schreibt Aysen Tasköprü nach Angaben der Zeitung. „Was wollen Sie an unserem Leid ändern? Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?“

Zweistündiges Gespräch

Gaucks Sprecherin bedauerte am Sonnabend die Absage. Einige eingeladene Familienangehörige hätten ihren Anwalt mitbringen wollen. „Wir haben sie gebeten, davon abzusehen, damit die Gruppe nicht zu groß wird, der persönliche Charakter des Treffens gewahrt bleibt und möglichst viele Gäste mit dem Bundespräsidenten ins Gespräch kommen können“, sagte die Sprecherin. Gauck wolle bei dem Treffen auch die Wünsche und Vorstellungen der Angehörigen erfahren. „Der Bundespräsident setzt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten maximal für ihre Belange ein.“

Bundespräsident Gauck will am Montag mit den Hinterbliebenen der Mordopfer der Terrorgruppe, mit den Betroffenen der Bombenanschläge des NSU und mit der Ombudsfrau für die Opfer und Opferangehörigen, Barbara John, zusammenkommen. Zu den zweistündigen vertraulichen Gesprächen im Schloss Bellevue werden etwa 70 Teilnehmer erwartet.

Dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet. Getötet wurden acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Das Terrortrio wurde erst im November 2001 entdeckt. Am 17. April soll in München der Mordprozess gegen das einzige noch lebende Mitglied, Beate Zschäpe, beginnen.

Ende Januar hatte der Bundespräsident die Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages empfangen und sich über die Erkenntnisse des Ausschusses informieren lassen. Im Februar vergangenen Jahres hatte Gauck als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten an der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt in Berlin teilgenommen und viele Angehörige anschließend auch persönlich getroffen.