Gedenken

Zehntausende trauern um tunesischen Politiker

Ermordeter Oppositioneller Schokri Belaid beigesetzt. Generalstreik legt Tunis lahm

Der Sarg war in eine tunesische Nationalflagge gehüllt. Auf dem roten Halbmond mit Stern lagen Blumensträuße. „Der Kampf geht weiter“, riefen Familienangehörige, Politikerkollegen und Anwälte in schwarzen Roben vor dem Haus des Toten im Stadtteil Dschebel al-Dschalud von Tunis.

Die Sargträger hatten Mühe, sich den Weg durch die Menge zu bahnen. Zehntausende Menschen warteten in den umliegenden Straßen, um Schokri Belaid das letzte Geleit zu geben. Der 48-jährige Oppositionspolitiker war am vergangenen Mittwoch von Unbekannten mit vier Schüssen getötet worden. Belaids schonungslose Kritik an der Regierung und an der das Kabinett dominierenden Ennahda-Partei hatte ihn populär gemacht. Seine Ermordung löste eine Welle des Protests aus. Mehr als ein Dutzend Parteibüros von Ennahda wurden angezündet. „Mörder, Mörder“, rufen die Teilnehmer der Beerdigung und nennen dabei den Namen von Raschid Ghannouchi, dem Führer von Ennahda. Auch viele Frauen sind gekommen. „Wir werden das nicht hinnehmen“, sagt Mufida Abassi, „auch wenn uns die Regierung mundtot machen will.“ Abassi ist Fernsehjournalistin und war mit dem Ermordeten befreundet. „Wir haben von Anfang an vor den Islamisten gewarnt. Sie sind gefährlich.“

Während der 25-jährigen Diktatur von Zine al-Abidine Ben Ali saßen die Anhänger Ennahdas im Gefängnis oder waren im Exil. Wenige Monate nach der Revolution eröffneten sie in allen Städten Büros, kontrollierten die Moscheen und konnten sich einen aufwendigen Wahlkampf leisten, der entscheidenden Anteil an ihrem Sieg 2011 hatte. „Das Geld dazu kam aus Katar“, meint Frau Abassi. Viel wichtiger sei aber, sich an die jüngere Vergangenheit zu erinnern. Ennahda kämpfte ohne Rücksicht auf Menschenleben gegen die Diktatur. „Die Bombenanschläge von 1986 auf Touristenhotels in Sousse und Monastir darf man nicht vergessen. Genauso wenig die Säureanschläge auf Journalisten und Richter 1990.“

Tränengaswolken treiben plötzlich auf den Friedhof. Draußen hat es erste Zusammenstöße mit der Polizei gegeben. Junge Leute sollen Autos der Besucher demoliert haben. In Tunis war es am Vormittag ruhig geblieben. Die Gewerkschaften hatten für Freitag einen Generalstreik ausgerufen. Geschäfte blieben geschlossen. Nur die Busse fuhren. Gewaltsame Auseinandersetzungen hatte es am Vormittag nur in Gafsa gegeben, einer Stadt im Landesinnern.

Tunesien galt als Musterland für einen demokratischen „arabischen Frühling“. Dieser Ruf ist gefährdet. Man wird sehen, ob das Land zwei Jahre nach der Revolution nicht doch noch ein ähnlich gewaltsames Schicksal wie Ägypten oder Libyen trifft.