Kommentar

Keine Reform auf Kosten der Kinder

Marius Schneider über das stückweise Scheitern des jahrgangsübergreifenden Lernens

Trial and error“, also Versuch und Irrtum, sagt das Lexikon, sei eine „primitive Form der Problemlösung“. Ihr berühmtester Erforscher, Robert Yerkes, experimentierte im vorigen Jahrhundert mit Regenwürmern. Mit dem erstaunlichen Ergebnis: Aus schlechter Erfahrung kann man lernen – selbst als Regenwurm. Dabei spielten Stromschläge und andere Formen der Negativmotivation zwar eine gewisse Rolle, aber das ist hier nicht so wichtig. Wichtig ist etwas anderes: Der Prüfling konnte seine Aufgabe wiederholen. Um es nach der schlechten Erfahrung eben besser zu machen. Und genau an dieser Stelle hat der Regenwurm jedem Berliner Grundschüler gegenüber einen entscheidenden Vorteil. Denn unsere kleinen Prüflinge konnten im großen Versuch-und-Irrtum-Experiment der Bildungsreformer bisher alle möglichen schlechten Erfahrungen vielleicht wegstecken. Wiederholen allerdings konnten sie ihre Bildungsbiografien nicht – leider, leider. Einmal „falsch“ angefangen, Pech gehabt.

Jetzt wird die große Schulreform zurückgedreht. Aufatmen in jedem dritten Lehrerzimmer: Jül, das „jahrgangsübergreifende Lernen“, ist vorbei! Lasst uns wieder ganz normale erste und zweite Klassen machen! Die große Schulreform für die Hauptstadt, die im Jahre 2004 angestoßen wurde, sollte die Bildung der Grundschüler verbessern. Länger gemeinsam lernen, miteinander und nebeneinander und voneinander; im lockeren Klassenverband, mit hoch motivierten Lehrkräften, möglichst zwei pro Klasse, plus Extra-Erzieher und modernster Technik. So weit die Theorie. Und von der waren die Ritter der Reform jenseits der Klassenräume so sehr überzeugt, dass das Modell gleich mal verpflichtend wurde: Jeder Schüler macht Jül. Inklusive Früheinschulung, ohne Ausnahme.

Schade nur, dass die Theorie es nie in die Praxis geschafft hat. Und waren die Lehrer noch so motiviert – für ihren zweiten Kollegen war oft das Geld nicht da. Und für die neuen Lernmittel und die modernste Technik auch nicht. Aber die Schüler waren da. Saßen gemeinsam mit ihren älteren oder jüngeren Kameraden vor mehr oder weniger überzeugten Lehrern. Und mussten auf die Frage von Opa und Oma „Na, in welche Klasse gehst du denn jetzt?“ komplizierte Antworten geben. Mancher Schulleiter wusste das und startete die Reform mit Widerwillen – und mancher erfahrenere Pädagoge mit Händefalten und der Hoffnung, dass auch diese Reform vorübergehe.

Nun ist sie vorüber. Nun nehmen sich die Schulen ihre Freiheit wieder. Ist das gut? Ja! Nicht deshalb, weil jahrgangsübergreifendes Lernen prinzipiell falsch sein muss. Wenn Lehrer davon überzeugt sind und die Schulen auch die nötige Ausstattung dafür bekommen, so mag das eine gute Idee sein. Aber nicht als Hauruck-Zwangsreform ohne die nötigen Mittel – auf Kosten der Kinder. Die ihre Bildungsbiografien eben nicht wie Regenwürmer wiederholen können. Man kann alle Verantwortlichen nur inständig bitten, dies zu bedenken, bevor den Berliner Schulen der nächste Reformerlebnisparcours nach Trial-and-error-Prinzip verordnet wird.