Fortschrittsbericht

Türken glätten Beitrittsbericht

Europa-Ministerium in Ankara lässt kritische Passagen in der Übersetzung schönen

Der Zorn in Ankara war, wie immer, sehr groß. Der jährliche Fortschrittsbericht der EU zur Türkei im Oktober 2012 war wieder kritisch ausgefallen. Er beklagte die mangelnde Meinungs- und Pressefreiheit, die Situation religiöser und ethnischer Minderheiten und den Einfluss des türkischen Militärs auf die Politik. Diese Einschätzungen seien „subjektiv, voreingenommen und engstirnig“, so Europaminister Egemen Bağış.

Wie tief der Ärger saß, zeigte nicht zuletzt die Drohung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bei einem Besuch in Berlin hatte er erklärt: „Wenn Sie versuchen, uns hinzuhalten, dann wird die EU verlieren, zumindest werden Sie die Türkei verlieren.“ Jetzt veröffentlichte der kurdische Abgeordnete der Friedens- und Demokratie-Partei, Hasip Kaplan, eine Nachricht im Online-Kurznachrichtendienst Twitter, die zeigt: Der Ärger in Ankara hätte noch viel größer sein können – wenn die Abgeordneten und die türkische Öffentlichkeit den Originalbericht der EU-Kommission zu lesen bekommen hätten. Denn das Europaministerium der Türkei hat den Bericht übersetzt und einige Stellen stark geschönt.

So heißt es im Original auf der Seite 34: „34 Zivilisten wurden in Uludere am 28. Dezember von türkischen bewaffneten Kräften bei einem militärischen Luftangriff getötet.“ Das türkische Europaministerium übersetzte das mit „34 Zivilisten starben in Uludere“. Die Satzteile „bewaffnete türkische Kräfte“ und „militärischer Luftangriff“ wurden gelöscht. Der offensichtliche Grund für die Änderung in der türkischen Version: Das Blutbad von Uludere an der türkischen Grenze zum Irak vom 28. Dezember 2011 ist noch immer nicht ganz geklärt. Schmuggler waren offenbar fälschlicherweise für Kämpfer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) gehalten worden.

Die Änderungen sind nicht unproblematisch. Denn die Entscheidungen der EU über künftige Beitrittsverhandlungen mit der Türkei fußen auf ebenjenem Bericht. Eine weitere Änderung in der türkischen Übersetzung: Der armenische Völkermord im Original wurde zum „sogenannten armenischen Völkermord“. Die Gründe sind klar: Die Türkei erkennt die Morde an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts nicht als Völkermord an.

Beim türkischen Europaministerium versteht man die Aufregung des Oppositionspolitikers nicht. „Das ist türkische Staatspolitik. Die Türkei erkennt keinen Völkermord an den Armeniern an. Daher wird in allen offiziellen Dokumenten das Wörtchen ‚sogenannt‘ hinzugefügt“, sagte das Ministerium. Zudem könnten die Abgeordneten ja jederzeit auf das englische Original zurückgreifen. Unbeantwortet blieb die Frage nach Uludere. Auf Anfrage bei der EU-Kommission hieß es zunächst, der kreative Umgang mit dem Bericht habe „einige Irritation“ ausgelöst. In einer zweiten Stellungnahme betonte die Kommission, man habe keinen Einfluss, wer die Texte „unsachgemäß“ übersetze.