Medizin

Zahl der Organspenden sinkt dramatisch

Niedrigster Stand seit 2002. Transplantationsskandale haben Vertrauen der Deutschen erschüttert

Der Skandal um Manipulationen bei Organtransplantationen hat die Spendenbereitschaft in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 2002 sinken lassen. Im vergangenen Jahr hätten 1046 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet, 12,8 Prozent weniger als im Jahr zuvor, meldete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt/Main. Die Zahl der gespendeten Organe sei von 3917 auf 3508 gesunken. Pro eine Million Einwohner hätten im vergangenen Jahr 12,8 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet, ein Jahr zuvor seien es noch 14,7 gewesen.

Am deutlichsten sei der Rückgang im zweiten Halbjahr nach Bekanntwerden von Manipulationen in mehreren deutschen Transplantationszentren gewesen. Diese Vorfälle seien durch nichts zu entschuldigen, sagte der Medizinische Vorstand der DSO, Günter Kirste. „Mit großer Sorge sehen wir allerdings, dass im Zuge dessen auch das Vertrauen in die postmortale Organspende massiv erschüttert wurde und die nachlassende Spendenbereitschaft das eigentliche Grundproblem, den Organmangel, weiter verschärft.“ Bundesweit warteten rund 12.000 Menschen dringend auf eine Transplantation. Derzeit werden der DSO zufolge jeden Tag durchschnittlich elf Organe übertragen; gleichzeitig sterben drei Menschen pro Tag, die auf der Warteliste für ein Organ stehen.

„Die Zahlen sind sehr bedrückend“, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Für die sinkende Spendenbereitschaft sei die Bundesregierung verantwortlich: „Der Bundesgesundheitsminister hat bisher nichts unternommen, um das dringend notwendige Vertrauen in das Transplantationssystem herzustellen.“ Immer noch werde auf private Akteure bei den zentralen ethischen Fragen gesetzt. „Die Festlegung der Hirntodkriterien, die Verteilung der Spenderorgane und die Aufsicht über das Transplantationssystem gehören aber in staatliche Hände“, sagte Brysch. Er forderte erneuert, die Zahl der Transplantationszentren zu halbieren. „Dafür ist kein neues Gesetz nötig, sondern der Wille zum politischen Handeln.“ Es gibt bundesweit rund 50 Transplantationszentren.

Umfragen zufolge stehen rund 75 Prozent der Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Angesichts der aktuellen Skandale scheint dieser Wert jedoch zu sinken. Hinzu kommt, dass nur etwa 20Prozent ihre Entscheidung nach eigenen Angaben in einem Organspendeausweis festgehalten haben. In den Krankenhäusern entscheiden in neun von zehn Fällen die Angehörigen über eine Organspende, weil der Verstorbene seine Entscheidung nicht mitgeteilt oder dokumentiert hat.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hatte im vergangenen Jahr erst eine Informationspflicht eingeführt. Danach bekommt jeder Krankenversicherte Post von seiner Kasse mit Informationen rund um die Organspende und einem entsprechenden Ausweis. Es gibt allerdings keine Pflicht, einen Organspendeausweis auszufüllen oder auf das Schreiben der Kasse zu reagieren.

Rainer Hess, seit Jahresbeginn hauptamtlicher DSO-Vorstand, appellierte an alle Beteiligten, für mehr Transparenz zu sorgen und über eine strengere Qualitätssicherung künftig einen Missbrauch des Systems zu verhindern. „Das Vertrauen müssen wir uns neu verdienen.“ Zwar seien Organspende und Organübertragung getrennte Bereiche mit eigenen Regeln. „Aber wenn Ärzte bei der Transplantation manipulieren, ist das gesamte System betroffen.“ Die DSO koordiniert die Organspenden in Deutschland.

Anfang Januar hatte die Leipziger Uni-Klinik Manipulationen in ihrem Haus publik gemacht. Patienten sollen fälschlicherweise als Dialysefälle geführt worden sein, um sie auf der Warteliste für eine Spenderleber nach oben rutschen zu lassen. Im vergangenen Jahr waren ähnliche Vorfälle in Göttingen, Regensburg und München bekannt geworden.