Neujahrsansprache

Nordkoreas Diktator kündigt „radikalen Wechsel“ an

Machthaber Kim Jong-un sucht Annäherung an den Süden und will die Wirtschaft des bettelarmen Landes umbauen

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un stimmt überraschend versöhnliche Töne gegenüber Südkorea an. Beide Seiten müssten sich für die Überwindung der Landesteilung starkmachen, sagte Kim in seiner ersten Neujahrsansprache. In Südkorea wurde das als Geste gegenüber Südkoreas künftiger Präsidentin Park Geun-hye verstanden, die ihrerseits stärker auf das isolierte Nachbarland zugehen will. Es ist die erste TV-Neujahrsansprache eines nordkoreanischen Machthabers seit 19 Jahren. Damit versuchte Kim das Bild seines noch immer als gottgleich verehrten Großvaters Kim Il-sung auf sich zu übertragen. Sein Vater Kim Jong-il hatte die Tradition dieser Ansprachen unterbrochen.

Dennoch warnen Beobachter vor allzu großen Erwartungen. Wichtig wäre eine wesentliche Kurskorrektur des stalinistischen Regimes in Pjöngjang, vor allem im Hinblick auf das umstrittene Atomprogramm des Landes. Kims Sprache sei schon eine bedeutende Wende von der Rhetorik der Drohungen, wie sie bisher gegen die scheidende Regierung von Präsident Lee Myung-bak geäußert wurden, kommentierte die Zeitung „The Korea Times“. Das signalisiere, „dass das Regime Parks Angebot für einen Dialog testen könnte“.

Kims Politik zeugte bislang eher von Kontinuität. Ein neuer Beweis dafür war aus der Sicht Südkoreas und der USA der Start einer Weltraumrakete in Nordkorea im Dezember. Der Start sei noch auf den Wunsch seines Vaters Kim Jong-il erfolgt, aus dem Land eine Weltraummacht zu machen, bekräftigte Kim Jong-un jetzt. Im Ausland werden solche Starts als verdeckte Waffentests gesehen.

Eine Änderung der Doktrin militärischer Stärke von Kim Jong-il hatte das Regime schon kurz nach dessen Tod vor einem Jahr ausgeschlossen. Seitdem ist sein Sohn quasi im Schnelldurchgang auf die wichtigsten Posten berufen worden. Er ist wie sein Vater und Großvater Kim Il-sung Parteichef und oberster Befehlshaber der Volksarmee. Daneben ist er erster Vorsitzender der mächtigen Verteidigungskommission. Das erste Jahr seiner Herrschaft habe vor allem der Konsolidierung seiner Macht gedient, glauben Beobachter. Jetzt könnte der junge Kim theoretisch einen Neuanfang in den Beziehungen mit Südkorea und die Umsetzung verschobener wirtschaftlicher Reformen wagen.

Kim Jong-un forderte einen radikalen Wechsel, der Nordkorea zu einem „wirtschaftlichen Riesen“ machen und den Lebensstandard der Menschen anheben solle. Die Landwirtschaft und Leichtindustrie stünden dabei im Zentrum. Das verarmte, aber hochgerüstete Land ist seit Jahren auf Hilfe von außen angewiesen.

Über die politischen Vorstellungen des Regimes tappt die eigene Bevölkerung wie der Rest der Welt allerdings weitgehend noch im Dunkeln. Regierungsbeamte in Seoul sagen, der Machtübergang sei unerwartet störungsfrei gewesen. Doch ob Kim die volle Kontrolle in dem komplizierten Machtgefüge von Staat, Partei und Militär in Nordkorea ausübt, bleibt ungewiss. In den vergangenen Monaten hatten nach Berichten südkoreanischer Medien Säuberungen in den militärischen und politischen Reihen stattgefunden.

Zu Kims wichtigsten Beratern gelten nach wie vor sein Onkel Jang Song-thaek, der als graue Eminenz des Regimes gesehen wird. In 100 von über 140 öffentlichen Auftritten sei Kim von Jang begleitet worden. Auch dessen Frau Kim Kyong-hui soll für den Bestand der Kim-Dynastie sorgen. Im Stil unterscheidet sich Kim dagegen von seinem Vater. Er ließ sich von seiner Frau Ri Sol-ju auf Inspektionsreisen begleiten, zeigte keine Berührungsängste mit Soldaten, Kindern und älteren Bürgern. Kims Vater und Großvater ließen sich so gut wie nie mit ihren Partnerinnen in der Öffentlichkeit sehen.