Zusammenleben

Liebe kennt keine Religion

Der palästinensische Psychologe Ahmad Mansour betreut muslimische Jugendliche. Rabbi Daniel Alter widmete ihm seinen Bambi

„Wir kommen selbst aus diesen Kulturen, wir kennen das, wir sind selbst Türken, Palästinenser, Araber“, sagt Deniz. Deniz ist Student, 23 Jahre, in Berlin geboren und aufgewachsen, seine Eltern stammen aus der Türkei. Er fühlt sich wohl in seiner Kultur, aber das heißt noch lange nicht, dass er in manchen Dingen nicht anderer Meinung ist als sein Vater. „Ich denke nicht immer so, wie meine Familie es erwartet. Ich bin aber trotzdem selbstbewusst, ich werde respektiert, ich habe Ehre.“

Deniz wurde ausgebildet von dem Psychologen Ahmad Mansour, einem israelischen Palästinenser. Vor fünf Jahren rief der ein Projekt ins Leben und nannte es „heroes“. Seitdem finden in seinem Neuköllner Büro wöchentlich Trainings statt. Er redet mit muslimischen Jugendlichen über Ehre, Jungfräulichkeit, Antisemitismus. „Statistisch gesehen ist Antisemitismus in muslimischen Communities drei- bis viermal höher als in der Mehrheitsgesellschaft“, sagt Mansour. „Ideologien und Gerüchte sind weitverbreitet.“ Sein Ziel ist es, automatisch übernommene Denkmuster zu hinterfragen, die Jugendlichen sollen Argumente finden für das, was sie vertreten. „Wir wollen Anstöße geben, mal eine andere Perspektive einzunehmen und über Alternativen nachzudenken.“ Mansour hakt nach, wenn einer sagt, dass er Juden hasse. „Wir lassen das nicht in der Luft hängen.“

Rabbi Daniel Alter findet dieses Konzept einzigartig. Ende August wurde Alter auf der Straße vor seiner Wohnung zusammengeschlagen, weil er als Jude erkennbar war. Alles deutet darauf hin, dass die Täter muslimische Jugendliche waren. Ende August bekam Alter den Bambi in der Kategorie „Integration“ verliehen – und widmete ihn Ahmad Mansour und den „heroes“ (deutsch: Helden). „Menschen wie die ,heroes‘ setzen sich über die Prägung ihrer Community hinweg, gegen Widerstände der eigenen Community“, sagt Alter. „Das ist wirklich mutig. Und das ist das, was für mich im 21.Jahrhundert ein Held ist.“

Deniz ist stolz auf diese Widmung. Er trägt das Erkennungszeichen: einen schwarzen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „heroes“. Wenn die Jugendlichen wie er genügend Trainingseinheiten in Gruppensitzungen hinter sich haben, werden sie zu „Helden“ ernannt. Damit geht er als Multiplikator in Jugendzentren und Schulen. Erster Anstoß zur Diskussion ist immer die Frage: „Was ist Ehre?“

An diesem Winterabend sitzen Deniz und Taylan, ein „deutsch-türkischer Kreuzberger“, wie er sich selbst bezeichnet, auf dem Podium des Jungendmuseums in Schöneberg. Ehre heißt Familie, Nationalität, die Jungfräulichkeit der Schwester, kommt von den Jugendlichen als Antwort. Man muss sich seine Ehre nicht verdienen, sondern wird ehrenhaft geboren. Deniz und Taylan machen ein Rollenspiel. Vater: „Steh auf, wenn dein Vater nach Hause kommt! Wo ist deine Schwester? Du bist der Mann im Haus, wenn ich nicht da bin! Geh sie gefälligst holen!“ Der Sohn telefoniert auf Anweisung seines Vaters und findet heraus: Seine Schwester Seynep ist im Einkaufscenter. Widerwillig geht der Junge dorthin und trifft einen Kumpel. Dieser setzt ihn ebenfalls unter Druck. „Dein Vater macht Stress? Zu Recht! Hol Seynep wie ein Mann nach Hause! Was sollen die anderen denken?“ Schließlich schlägt er seine Schwester, weil diese sich weigert, mit nach Hause zu kommen. Sein Kumpel nickt anerkennend.

Dann wird diskutiert. „Richtig so!“, sagt ein Mädchen. „Mein Vater ist genauso!“, ein anderer Jugendlicher. „Warum handelt er so? Aus Sorge um das Wohl der Tochter?“, fragt Deniz. „Ich glaube aus Angst um ihre Jungfräulichkeit“, sagt der Junge mit der Lederjacke. „Und warum handelt der Bruder so?“ „Weil ihm der Vater im Nacken sitzt und sein Freund. Aber eigentlich will er nicht so sein!“ „Aber hat der Freund denn nicht recht? Die Tochter muss doch nach Hause!“ „Ja, natürlich, und wenn der Bruder sie nicht schlägt, respektiert sie ihn nicht!“ „Hilft ihr das denn? Bringt das ihre Jungfräulichkeit zurück?“ „Also ich hätte lieber einen Bruder, der mich versteht!“, sagt ein Mädchen.

Jugendliche, die 15 Jahre mit bestimmten Einstellungen aufwachsen, krempelt man nicht in ein paar Stunden um, dessen ist sich Mansour bewusst. Ziel ist es vielmehr, einmal die Perspektive zu wechseln und zu zeigen, dass man nicht automatisch so denken muss wie seine Eltern. „Auf einmal sind die Jugendlichen mitten in einer Diskussion über die Jungfräulichkeit der Schwester – das ist schon die halbe Miete“, sagt Mansour. „So kann man das Bewusstsein schaffen: Ich will archaische Vorstellungen nicht an meine Kinder weitergeben, Und eine Frau muss nicht unbedingt mit 18 heiraten.“

Ein Theaterpädagoge studiert die Rollenspiele mit den Jugendlichen ein. Gerne besetzt er die Rolle des hilflosen Mädchens mit einem Freiwilligen, mit Vorliebe dem Klassenclown, dem Großmaul, um ihn anschließend fragen zu können, wie er sich gefühlt hat in der Situation, bedroht von seinem Bruder, bloßgestellt vor den Freunden. „Nicht so cool“, kommt dann häufig. „War ein Scheißgefühl.“

„Ich arbeite seit Jahren mit muslimisch geprägten Jugendlichen“, sagt Ahmad Mansour. „Ich habe sehr genaue Einblicke in die Familien und die Peer-Groups der Milieus. In diesen Milieus ist auch ein tief verankerter Antisemitismus am Werk, der etwa durch per Satellit empfangene arabische Hetzsender noch massiv verstärkt wird.“ Die Sender von der Extremistenorganisationen Hamas und Hisbollah sind auch in deutschen Wohnzimmern zu empfangen, in deren Propaganda der Jude zu einem „schmutzigen Tier“ wird. Mansour studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie in Tel Aviv und an der Humboldt-Universität. Er kritisiert die „kontroll-orientierten Erziehungsmethoden, die auf Kollektivität und Respekt vor Autorität abzielen“. Diese seien zentrale Bestandteile einer durchschnittlichen muslimischen Familie. „Und das ist der einzige Grund, warum man uns zuhört“, sagt Deniz. „Wir kommen aus derselben Kultur, wir fühlen uns wohl darin, aber wir hinterfragen trotzdem. Wenn da ein Lehrer ist, dann sagen sie: „Du kennst meine Kultur nicht, du hast mir nichts zu sagen!“

Deniz und Taylan machen ein weiteres Rollenspiel:

Vater: „Du siehst gut aus, mein Junge!“

Sohn: „Ich bin sehr glücklich. Ich bin jetzt seit zwei Jahren mit meiner Traumfrau zusammen. Sie ist wunderbar.“

Vater: „Das freut mich. Ich bin stolz auf dich!“

Sohn: „Sie will euch kennenlernen. Morgen Abend würde ich euch Anna gerne vorstellen!“

Vater: „Anna? Wer ist das? Was ist das für ein Name?“

Sohn: „Meine Freundin! Sie kommt aus Schweden. Ich liebe sie!“

Vater: „Erzähl mir nichts von Liebe! Sollen meine Enkelkinder Christen werden, oder was?“

Sohn: „Sie kann doch unsere Sprache lernen!“

Vater: „Das macht sie noch lange nicht zu einer von uns! Weißt du, was ich alles für dich getan habe? Ich habe mein Leben lang für dich gearbeitet! Liebst du deine Eltern überhaupt?“

Sohn: „Zwing mich nicht, mich zwischen euch zu entscheiden!“

Vater: „Verschwinde! Meinen Segen bekommt ihr niemals!“

„Was macht der arme Junge jetzt?“, fragt Deniz. „Er muss auf sein Herz hören!“, sagt ein Mädchen. Deniz ist sich sicher, dass solche Abschottungstendenzen nichts typisch Muslimisches sind. „Wenn Anja mit Murat nach Hause kommt, ist ihr Vater auch nicht glücklich!“ Ein blöder Reflex, da sind sich alle Jugendlichen einig. „Liebe kennt keine Religion“, sagt der Typ mit der Lederjacke. „Ist doch klar.“