Effizienzziele

Zehn Jahre für 18 Kilometer Stromtrasse

Eine Regierungskommission stellt dem Kabinett für die Energiewende ein mäßiges Zeugnis aus

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte die Lacher auf ihrer Seite, als sie beim Start der neuen Stromautobahn zwischen Schwerin und Hamburg am Dienstag die lange Planungszeit aufs Korn nahm. Für 18 Kilometer Trasse brauchten die Behörden in Schleswig-Holstein sage und schreibe zehn Jahre, ehe alle Genehmigungen vorlagen. Die auch „Windsammelschiene“ genannte, insgesamt 88 Kilometer lange Leitung gilt als wichtiger Baustein für die Energiewende. Sollten alle Netzausbau-Projekte so lange dauern, dürfte den Verantwortlichen das Lachen vergehen. In zehn Jahren sollen die letzten Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden.

Dann müssen die Netze vor allem in Nord-Süd-Richtung fit sein für den Öko-Strom, der hauptsächlich im Norden und Osten produziert wird. Der Geschäftsführer des für die Hamburg-Schweriner Stromtrasse zuständigen Netzbetreibers 50Hertz, Boris Schucht, forderte deshalb wesentlich kürzere Planungs- und Bauzeiträume. Nur dann könne die Energiewende zu einer auch international beachteten Erfolgsstory werden, sagte er.

An diesem Mittwoch will das Bundeskabinett in Berlin den neuen Netzentwicklungsplan absegnen. Er sieht vor, in den nächsten Jahren drei große Nord-Süd-Stromautobahnen von insgesamt 2800 Kilometer Länge zu bauen, um den Windstrom in die Verbrauchszentren im Süden und Westen zu transportieren. Zudem sollen 2900 Kilometer im bestehenden Höchstspannungsnetz so optimiert werden, dass sie fit werden für die schwankende Ökostrom-Einspeisung. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Umweltminister Peter Altmaier (CDU) werden außerdem die Ergebnisse des Monitoringberichts Energiewende vorstellen.

Die Regierungskommission zur Überwachung der Energiewende stellt der Bundesregierung ein mäßiges Zwischenzeugnis aus. „Ohne weitergehende zusätzliche Maßnahmen werden die Effizienzziele der Energiewende nicht erreicht“, urteilt das von der Regierung vor einem Jahr beauftragte vierköpfige Gremium in seinem ersten Zwischenbericht.

Die Experten fordern in ihrem 156-seitigen Bericht mehr Einsatz, um das Energiesparen in Gebäuden zu verbessern, wo 40 Prozent der Energie verbraucht werden. Auch im Verkehr müsse mehr passieren. Für den kritisierten Bereich Energiesparen ist Rösler federführend zuständig – die Bereiche Verkehr und Gebäudesanierung fallen aber in die Zuständigkeit von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU).

Rösler steht bei Opposition und Umweltverbänden in der Kritik, weil er EU-Vorschläge für stärkere Energieeinsparungen blockiert hatte, etwa verpflichtende Vorgaben für eine Senkung des Verbrauchs. Rösler selbst betont, oberste Priorität müsse Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit bei der Energiewende haben – daher dringt er auf eine rasche Kappung der Fördergelder für erneuerbare Energien. Um den Primärenergieverbrauch bis 2020 im Vergleich zu 2008 wie geplant um 20 Prozent zu senken, muss der Berechnung nach die Energieproduktivität in den nächsten Jahren um 2,6 Prozent pro Jahr gesteigert werden. Derzeit ist ein Minus von 6 Prozent erreicht, es fehlen also noch 14 Prozent. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium hieß es: „Bei der Energiewende haben wir erhebliche Fortschritte gemacht.“ Der Energieverbrauch sei rückläufig, der Ökoenergie-Ausbau komme voran, die Treibhausgasemissionen sinken, die Energieeffizienz habe sich verbessert.

Ambitionierte Ziele

Die Forscher sehen die derzeit kostengünstigste Option beim Ausbau erneuerbarer Energien bei Windkraft an Land – aber dies müsse besser mit dem Netzausbau koordiniert werden. „Die einzelnen Bundesländer haben bezüglich der Windenergie an Land teilweise sehr ambitionierte Ausbauziele, die in der Summe deutlich über die bisherigen Zielsetzungen der Bundesregierung hinausgehen“, betonen sie. Der Ausbau erneuerbarer Energien verlaufe insgesamt positiv – der Anteil am Stromverbrauch lag 2011 mit 20 Prozent über Plan. Nach neuen Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wird der Anteil im laufenden Jahr auf 23 Prozent klettern.

„Dennoch wird das Erreichen des Mindestanteils von 35 Prozent am Bruttostromverbrauch bis 2020 kein Selbstläufer“, betont das Gremium um den Vorsitzenden Andreas Löschel vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Mehr Mäßigung mahnen die Regierungsberater in der Debatte über die Strompreisentwicklung an: „Der Anteil der Ausgaben für Elektrizität am nominalen Bruttoinlandsprodukt liegt mit 2,5 Prozent im Jahr 2011 auf dem Niveau von 1991“, betonen die Forscher.