Ost-West

Das Selbstbewusstsein der jungen Ostdeutschen

Allensbach-Studie zeigt große Unterschiede in der gegenseitigen Wahrnehmung

– Marie Landsberg war sechs Jahre alt, als die Mauer fiel. Bewusst kann sie sich nicht an den 9. November 1989 erinnern. Landsberg wurde in Ost-Berlin geboren und im vereinten Deutschland groß. Heute ist sie Projektmanagerin der „Dritten Generation Ost“, einem Netzwerk von rund 2000 Personen, die alle zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. 2,4 Millionen Menschen betrifft das insgesamt – eine Generation, deren Perspektive bisher wenig berücksichtigt wurde.

Es sind Wendekinder, die in ihrer Kindheit einen Systemwechsel erlebt haben und nun Fragen stellen: Wie die DDR die Menschen geprägt hat, wie man heute mit diesem Erbe umgehen kann. Sie wollen verkrustete Bilder vom Besserwessi und Jammerossi aufbrechen. Es geht um Selbstbewusstsein, Tatkraft. Um Eigenschaften also, die den Klischees über die Ostdeutschen widersprechen. Zu Unrecht. Denn Ostdeutsche schreiben sich selbst überwiegend positive Eigenschaften zu – im Gegensatz zu Westdeutschen. In der repräsentativen Allensbach-Studie „Die gegenseitige Wahrnehmung Ost- und Westdeutscher“ bezeichnen sich Ostdeutsche als bescheiden (69 Prozent), zurückhaltend (63) und erfinderisch (58). Westdeutsche charakterisieren sie als arrogant (71 Prozent), geldgierig (57) und selbstbewusst (54). Westdeutsche bezeichnen sich als selbstbewusst (47 Prozent), ehrgeizig (38) und arrogant (37). Ostdeutsche schildern sie als unzufrieden (51 Prozent), misstrauisch (42) und ängstlich (29). Bei der Einschätzung von Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen halten sich negative und positive Aspekte laut der Studie die Waage. „Wesentlich pointierter ist dagegen die Vorstellung der Ostdeutschen von den Westdeutschen: Der durchschnittliche Anteil der negativen Eigenschaften liegt bei 42,7 Prozent. Positive Eigenschaften werden nur zu vier Prozent zugeschrieben.“

Das Selbstbild der Ostdeutschen fällt dagegen positiv aus. Der Anteil der positiven Charakterisierung liegt bei 47,1 Prozent. Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin in Thüringen (CDU), führt das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen auf ihre Prägung zurück. „Die ständige Selbsthinterfragung, der intensive Diskurs gehörte im Westen zur Kultur. Aus einer Diktatur kommend, kennt man das so nicht“, sagt Lieberknecht.

Was den Habitus angeht, macht Landsberg zwei Extreme aus. „Der Prototyp West ist stark, individuell, selbstbewusst und setzt sich gegen Konkurrenten durch. Der Prototyp Ost ist ein Gruppentyp, bescheiden, guckt auf das Gemeinwohl, tut sich nicht zu sehr hervor, bleibt im Durchschnitt.“ Doch die Unterschied werden sich mehr und mehr abschleifen, glaubt sie. Sie selbst sei das beste Beispiel. „Ich habe in Frankreich und Norwegen studiert. Ich habe Verwandtschaft in Brasilien und den USA. Ich bin im Internet mit Bekannten aus aller Welt verbunden.“ Ihre ostdeutsche Herkunft sei nur ein Teil von alledem. Manchmal sogar nur ein kleiner.