Kommentar

Verspieltes Vertrauen

Kathrin Gottholdüber die Gesetzesänderungen bei Lebensversicherungen

Wer einmal dachte, mit einer privaten Renten- oder Lebensversicherung reich zu werden, wurde bereits vor Längerem eines Besseren belehrt. Nun ist die Versicherungsbranche dabei, das Letzte zu verspielen, was ihr blieb: das Vertrauen ihrer Kunden.

Das jetzt verabschiedete Gesetz, das es ermöglicht, Lebensversicherte mit Altverträgen geringer an Bewertungsreserven zu beteiligen, ist nur ein weiterer Punkt auf der Liste mit Verirrungen. Nicht unbedingt inhaltlich – doch mit Blick auf die Entstehungsgeschichte der Regelung.

Das Problem der Unternehmen ist klar: Ihnen machen vor allem die niedrigen Zinsen zu schaffen. Die Umlaufrendite, also der Durchschnittszins aller am Markt gehandelten deutschen Staatsanleihen, liegt derzeit minimal über einem Prozent. Da fällt es den auf sichere Anlagen setzenden Versicherern schwer, ihr (Kunden-)Kapital ertragreich anzulegen. Noch 2010 konnten Anleger – und damit auch Versicherer – teilweise 3,5 Prozent bei Bundesanleihen erzielen. Die Tage sind vorbei. Auf absehbare Zeit werden die Zinsen nicht mehr steigen. Es gibt also weniger Geld aus den Verträgen.

Vielen Deutschen ist das allein jedoch reichlich egal. Wie Studien zeigen, wollen sie vor allem Sicherheit, wollen wissen, dass ihr Geld gut verwaltet wird. So wenig wie möglich mit dem Thema Altersvorsorge und Rente zu tun haben.

Lebensversicherer haben genau diesen Wunsch erkannt – haben ihn, ganz geschäftstüchtig, geschürt. Sie legen das Geld für ihre Kunden an und tragen Sorge, dass die angesparte Rente bis zum Ende des Kundenlebens reicht. Oder für eine langjährige Versorgung Hinterbliebener. Dafür vertrauen Kunden Versicherern ihr Geld an. Im vergangenen Jahr immerhin mehr als 760 Milliarden Euro.

Dieses Vertrauen aber, das zum „Anvertrauen“ gehört, zehrt sich auf. Schuld sind in großen Teilen die Versicherer selbst. Sei es mit immer weiter ans Licht kommenden Skandalen über Incentive-Reisen für Top-Verkäufer, falsche und überhöhte Kosten für Policen oder auch – ganz aktuell – ein Hin und Her bei Gesetzesänderungen, bei dem die Branche eine unrühmliche Rolle spielt.

Inhaltlich ist die nun verabschiedete Änderung bei der Beteiligung an den Bewertungsreserven weniger ungerecht, als viele langjährige Versicherte, deren Verträge jetzt vor dem Auslaufen stehen, es empfinden dürften. Denn für das gesamte Versicherungskollektiv schafft die Regelung mehr Sicherheit. Die Härtefallregelung deckelt zudem den Abschlag der betroffenen Vorsorge-Sparer.

Nicht gerecht jedoch ist, dass Branche und Politik den Bürgern verschweigen, auf welche Weise Gesetze entstehen und wessen Interessen vertreten werden. Offensichtlich nicht vorrangig die der Bürger. Dass betroffene Kunden nicht rechtzeitig über die geplante Änderung informiert wurden, ist ein weiterer Skandal und zudem rechtlich problematisch. Durch eine Kündigung der Policen zum 30.November hätten Versicherungskunden noch von der alten Rechtslage profitieren können. Und damit Einfluss auf ihre finanziellen Einbußen nehmen können.