Anschlagsvereitelung

Spur in die Salafistenszene

Tasche am Bonner Bahnhof: Zwei polizeibekannte somalische Islamisten vernommen

Die Sicherheitsbehörden sind in Alarmbereitschaft, doch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hält sich bedeckt. Eine für den frühen Dienstagabend angekündigte Stellungnahme sagte er kurzfristig ab. Nach und nach sickern Informationen durch, wonach Deutschland nach den Kofferbombern von Köln möglicherweise ein zweites Mal einem Terroranschlag auf den Bahnverkehr entkommen ist.

Der Sprengstofffund im Bonner Hauptbahnhof vom Montag führte die Polizei zunächst in die Salafistenszene der Stadt – und zu alten Bekannten. Am Dienstagnachmittag nahm die Polizei nach Informationen der Berliner Morgenpost Omar D. fest, einen gebürtigen Somalier aus Rheine. Ein weiterer Verdächtiger wurde laut „Bonner General-Anzeiger“ in der Nähe einer Rheinbrücke am Rande der Bonner Innenstadt gefasst. Gleichzeitig startete die Polizei eine Öffentlichkeitsfahndung: Sie gab das Fahndungsbild eines dunkelhäutigen Mannes heraus, 30 bis 35 Jahre alt, 190 Zentimeter groß und schlank. Er habe eine schwarze Mütze, schwarze Stiefel und eine braun-graue Jacke getragen.

Der Physikstudent Omar D. gilt als Salafist und wurde von deutschen Sicherheitsbehörden bereits als „islamistischer Gefährder“ geführt. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost bestätigte D.s Anwalt, dass sein Mandant „gegen 13.30 Uhr“ am Dienstag festgenommen wurde. Anhand von Telefondaten werde nun ermittelt, ob sich D. tatsächlich am Tatort im Hauptbahnhof aufgehalten habe. D. Zeugen sollen außer ihm auch den aus Bonn stammenden Abdirazak B. erkannt haben. Beide wurden am Abend jedoch wieder freigelassen, teilte die Kölner Polizei mit.

Salafisten verstehen den Islam nicht nur als Religion, sondern als göttliches Ordnungs- und Herrschaftssystem. Teile der Bewegung stehen beim Verfassungsschutz im Verdacht, ein Sammelbecken für gewaltbereiten Islamismus zu sein und Verbindungen zu Terrornetzwerken zu pflegen.

Bereits im September 2008 waren Omar D. und Abdirazak B. unter Terrorverdacht festgenommen worden. Eine Sondereinheit der Polizei stoppte ein Flugzeug am Flughafen Köln/Bonn und verhaftete die beiden gebürtigen Somalier. Omar D. und Abdirazak B., so die Vermutung, planten womöglich, sich nach Uganda oder weiter nach Somalia abzusetzen, um sich dort den radikal-islamischen Schabaab-Milizen anzuschließen.

Beide wieder freigelassen

Die Indizien reichten jedoch nicht aus. Beide Männer wurden wieder freigelassen. Anfang 2010 stellte die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen D. und B. ein. Abdirazak B. soll sich nach Informationen der Berliner Morgenpost bereits seit einiger Zeit nicht mehr in Deutschland aufhalten.

In der am Montag entdeckten und später gesprengten Tasche befanden sich nach Informationen von „Spiegel online“ Butangas und Ammoniumnitrat sowie ein Metallrohr, ein Wecker und Batterien. Die Polizei bestätigte, dass die Tasche „potenziell zündfähiges Material“ enthalten habe. Ob diese Konstruktion gefährlich gewesen sei, stehe noch nicht fest, betonte der Kölner Polizeisprecher Andreas Frische. „Wir haben noch keinen Zünder. Man muss die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung abwarten“, so Fischer. Damit seien Experten des LKA beschäftigt. Die Hintergründe des Geschehens seien unklar.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, erklärte am Dienstag, in dem Fall werde „höchstwahrscheinlich“ die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernehmen. Wendt sprach vom Fund eines „gefährlichen Sprengsatzes“. Dies zeige einmal mehr, „dass wir die Aufmerksamkeit gegenüber terroristischen Gefahren in Deutschland nach wie vor hochhalten müssen“. Die Ruhe, die nach der konkreten Terrorwarnung vor zwei Jahren eingetreten sei, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, „dass Deutschland pausenlos im Fokus von Extremisten und Terroristen“ stehe. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, bat die Bevölkerung um Aufmerksamkeit. „Wir müssen leider immer wieder damit rechnen, dass so etwas gerade an Bahnhöfen passieren kann“, sagte er Phoenix.

Salafisten sollten nach dem Willen des innenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, nach Möglichkeit ausgewiesen werden. Die Einbürgerungsakten aus den Ländern müssten noch einmal eingesehen werden, sagte der CSU-Politiker dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Der Bonner Bombenalarm weckt Erinnerungen an zwei vereitelte Anschläge im Jahr 2006. Damals deponierten zwei Männer auf dem Kölner Hauptbahnhof zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz, die nicht explodierten. Zweieinhalb Jahre später verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf den 24-jährigen Libanesen Youssef El Hajdib zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Mittäter Jihad Hamad war zuvor im Libanon zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.