Friedensnobelpreis für die EU

Europas Jahrmarkt der Eitelkeiten

Heute wird in Oslo der Friedensnobelpreis an die EU verliehen. Wochenlang stritten Brüsseler Politiker, wer dabei sein darf

Die Medaille trägt Europaparlamentspräsident Martin Schulz nach Hause: Ins „Parlamentarium“ soll das werte Stück zunächst verbracht werden, in das noch recht neue Informationszentrum des Europaparlaments in Brüssel für seine 500 Millionen Bürger. Besuchergruppen soll demnächst nicht mehr bloß auf bunten Schautafeln die Funktionsweise der europäischen Gesetzgebung nahegebracht werden: Die goldene Medaille des Friedensnobelpreises bekommt einen Ehrenplatz, damit alle sehen, dass die gelegentlich verworrenen Wege der Richtlinien und Normen zu etwas Großem führen können.

Typischer Kompromiss

Das Versprechen der friedensschaffenden Kraft der EU bekommt an diesem Montag die höchste Beglaubigung, die Welt vorhält. Ein Tag der Freude für die Europäer, darüber waren sich alle Führenden einig. Nur wer ist überhaupt diese EU, die diesen Preis bekommt, und wer repräsentiert sie? Das ist eine Frage, die auch das Spitzenpersonal nicht auf Anhieb beantworten konnte. Die Antwort war ein - typisch Europa - haarfein ausgehandelter Kompromiss. Wer die EU vertritt, der darf auch den Preis entgegen nehmen.

Zu verlockend ist der Termin. So blieben Versuche nicht aus, sich gegenseitig auszubooten. Trotzdem sollte genau dieser Eindruck vermieden werden, Europa spiele Kindergarten, indem es darüber streitet, wer auf die Bühne darf, wer der wichtigste Europäer ist. In Frage kam ein engerer Kreis von vier Männern. Zunächst Ratspräsident Herman Van Rompuy. Er vertritt die EU laut dem Vertrag über die Arbeitsweise der Union in außenpolitischen Fragen, der Nobelpreis fiele wohl darunter. Zweitens Kommissionschef José Manuel Barroso, dessen Institution nicht ganz zu Unrecht für sich reklamiert, die älteste, die größte, die zentrale EU-Institution zu sein. Schulz führte die einzigartige demokratische Legitimation des Parlaments ins Feld. Viertens wäre auch Zyperns Präsident ein Kandidat gewesen, der die rotierende Ratspräsidentschaft innehat und damit der direkte Vertreter der EU-Mitglieder ist, der 27 Staaten. Aber Dimitris Christofias wurde beim letzten Europäischen Rat vor vollendete Tatsachen gestellt, als Van Rompuy ungefragt verkündete, dass er selbst, Barroso und Schulz nach Oslo fahren. Basta. Christofias fährt jetzt gar nicht nach Oslo. Schließlich ist sein Land pleite, und die Leute protestieren wütend auf den Straßen.

Fragt man aber nach, ob die Dreier-Selbstfindung reibungslos gelang, so hört man Beschreibungen von „freundschaftlich und konstruktiv“ bis hin zu „verbissen“, „laut“ und „eitel“. Wie die Kesselflicker hätten die drei mitunter gestritten, heißt es sogar, und sich gegenseitig auszustechen versucht.

Es lohnt daher, während der Zeremonie in Oslo eine Stoppuhr laufen zu lassen und die Choreografie genau zu beobachten. Die Festrede halten die Herren Van Rompuy und Barroso, und zwar gemeinsam. Das heißt, erst darf der Belgier, dann der Portugiese. Unwahrscheinlich, dass dem einen mehr Sekunden zugestanden werden als dem anderen. Vierhändig nehmen sie die Urkunde entgegen, einköpfig darf sich Schulz die Medaille um den Hals hängen lassen. Obwohl er von den dreien als bester Redner gilt, darf er nur bei der anschließenden Ausstellungseröffnung eine Ansprache halten.

Angesichts Brüssels derzeitiger Umfragewerte kann sich kein Präsident ein goldeneres Rampenlicht wünschen als die Verleihung des Nobelpreises. Und so verwandelte sich das Institutionen-Parkett mit der Sekunde, als das Komitee vor neun Wochen den Preisträger bekannt gab, in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Schulz schickte unmittelbar nach Bekanntgabe sein eigenes Statement heraus: dass er sich schon auf die Verleihung in Oslo freue, als Vertreter des Parlaments und von 500 Millionen Bürgern. Eine weise Voraussicht, denn laut EU-Vertrag repräsentiert nur Van Rompuy die Union nach außen. Barroso berief sich daher schnell auf seine Behörde als Gründungsinstitution.

Einträchtig und strahlend werden die drei Herren nun auf dem Podium stehen, schon am Sonntag reisten sie gemeinsam mit dem Flieger an. Dabei natürlich auch Schulz’ Vorgänger Jerzy Buzek aus Polen und der deutsche CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, die sich die Show ebenso wenig entgehen lassen wollen. Mindestens 21 EU-Regierungschefs planen ebenfalls in Oslo dabei sein, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Francois Hollande und Italiens Premier Mario Monti.

David Cameron fehlt

Einer allerdings ist mit Sicherheit nicht dabei: der britische Premier David Cameron. Als das norwegische Nobel-Komitee im Oktober seine Entscheidung verkündete, konnte sich der Konservative nicht einmal einen Kommentar abringen. Seiner statt schickt Cameron seinen Vize Nick Clegg, einen der letzten Europa-Freunde in London. Zumindest einen Vorschlag gab es später dann doch noch aus der Downing Street: Man solle 27 europäische Kinder nach Oslo schicken. Was Cameron sicher besser gefallen hätte als drei Brüsseler Alphatiere, und nicht nur ihm: Auch EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström plädierte erfolglos für diese Variante. Zumindest bekommen die Kinder aber das Preisgeld. Mit den umgerechnet rund 930.000 Euro will die EU weltweit Kindern helfen, die Opfer von Kriegen sind. Aus ihrem eigenen Budget legt die Union noch eine Millionen Euro drauf.