Interview mit Hans-Gert Pöttering

„Europa ist ein anderes Wort für Frieden“

Der frühere Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, über den Preis

Europa hat viel mit Krieg und Frieden zu tun. Und hinter jeder großen Geschichte steht immer auch eine kleinere, persönliche Geschichte. Auch für mich: Den Menschen, der am stärksten meine politische Arbeit beeinflusst hat, habe ich selbst nie kennengelernt. Es ist mein Vater, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges als einfacher Soldat auf den Schlachtfeldern Europas fiel. Dies war die Triebfeder dafür, dass ich mich seit meiner Jugend für die europäische Einigung und den Frieden in Europa politisch engagiere. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union macht mich deshalb auch persönlich sehr glücklich.

Der Friedensnobelpreis würdigt eines der größten und erfolgreichsten Friedensprojekte der Geschichte. Bereits 1950, aus den Ruinen der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs heraus, beschrieb der Schuman-Plan einen Weg der Vergebung und Versöhnung, um ein neues, friedliches Europa zu bauen. Der Elysée-Vertrag von 1963 besiegelte die deutsch-französische Zusammenarbeit, ohne die das Friedenswerk Europa undenkbar wäre. Der Fall der Mauer 1989 machte die friedliche Wiedervereinigung unseres Kontinents möglich. Und auch dank unserer gemeinsamen Währung sind heute Kriege in Europa unvorstellbar.

Heute erscheint der Frieden in Europa nahezu selbstverständlich. Doch vergessen wir nicht, dass Europa keinesfalls in einem großen Wurf entstand. Die Gründerväter Europas wussten, dass es sich schrittweise würde zusammenfinden müssen. Auch war nicht entscheidend, gleich für alles sofortige Lösungen zu haben. Vielmehr galt es, Verfahren zu entwickeln, wie auf zivilisierte und gewaltfreie Weise Probleme und Aufgaben auf rechtlicher Grundlage bewältigt werden können.

Der Vorschlag, die kriegsnotwendigen Kohle- und Stahlindustrien einer gemeinsamen Hohen Behörde unterzuordnen, sollte „den ersten Grundstein einer europäischen Föderation bilden, die unerlässlich ist für die Wahrung des Friedens“, wie es in der Schuman-Erklärung heißt. Mit der Gründung der Europäischen Union haben wir die allerwichtigste Lehre aus der Geschichte Europas gezogen und Europa als eine Rechtsgemeinschaft begründet. In Europa hat heute nicht die Macht das Recht, sondern das Recht die Macht. Das ist das eigentlich Moderne und Zukunftsorientierte an unserer europäischen Wertegemeinschaft.

Der große Erfolg der Gründerväter Europas ist unbestritten. Kaum einer hat es 1950, in dieser spannungsreichen Zeit, als die Sowjetunion und der kommunistische Totalitarismus die eine Hälfte Europas unterdrückten, für möglich gehalten, dass einst zehn mittel- und osteuropäische Staaten Teil der Europäischen Union sein würden.

Ohne den Freiheitswillen der Menschen in diesen Ländern wäre die Einigung Deutschlands nicht möglich gewesen. Dieses dürfen wir niemals vergessen. Es verpflichtet uns umso mehr, europäisch zu denken.

Die europäische Einigung ist ein Werk der Freiheit und des Friedens – und muss als solches auch in Zukunft ihre tiefste Begründung finden. Die Friedensbotschaft darf deshalb an unseren Grenzen nicht enden. Denn unsere Freiheit, unser Wohlstand und unsere Sicherheit werden ganz wesentlich von Entwicklungen außerhalb Europas beeinflusst. Die politischen Umbrüche in Nordafrika und Nahost zeigen diesen Zusammenhang in eindrücklicher Weise. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie die Staaten in der Mittelmeerregion oder auch im Osten Europas funktionieren und was ihre Bürgerinnen und Bürger bewegt. Es ist unsere Aufgabe, unsere Nachbarn auf dem Weg zu Demokratie und Pluralismus zu begleiten und die Achtung freiheitlicher Grundrechte anzumahnen.

In einer Zeit, in der wir vor einer der größten Bewährungsproben stehen, festigt der Friedensnobelpreis die Europäische Union als Werte- und Friedensgemeinschaft in der Welt. Europa war einst die Antwort auf Krieg und Vernichtung. Heute ist Europa ein anderes Wort für Frieden.