Kommentar

Der Funke ist nicht übergesprungen

Andrea Seibel über den SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrückund die Rolle des Staates

Peer Steinbrück hat alles versucht, seinen Sozialdemokraten näherzukommen, sie zu umgarnen und ihre Zuneigung zu gewinnen. Er war nervös, versprach sich, verwechselte Nordrhein-Westfalen mit Niedersachsen, einmal sagte er selbst, er habe einen Aussetzer. Er wusste: Jemand wie er, selbstbewusst, kühl, distanziert, der sich manchmal sehr despektierlich über seine Partei geäußert hat, der kann nicht einfach so den Herz-Jesu-Sozialdemokraten geben. Auch wenn er viel aus seinem Leben erzählte, und dazu gehören die Eltern, besonders die Mutter, dazu gehören Schulerfahrungen, politische Erweckungserlebnisse vor 1968 und danach: Er ist kein Mann des seligen Gefühls, und so kann man sagen, bei allem Beifall und allen binnenpsychologischen Mechanismen – Schmidts Zigarettenauftritt, das sardonische Grinsen Schröders, der neben Schmidt saß – ist der Funke von Kandidat auf Partei nicht wirklich übergesprungen. Da kann Hannelore Kraft noch so oft die Herzen in einem Rhythmus schlagen hören. Steinbrücks Ergebnis gleicht mit seinen 93,45 Prozent der Delegierten frappierend jenem Gerhard Schröders bei der Kandidatenkür. Mehr geht nicht bei Männern ihres Schlages. Sie werden geduldet, weil sie den unbedingten Willen zur Macht haben. Geliebt werden sie nie.

Zweifelsohne ist Peer Steinbrück ein besserer Redner als Angela Merkel. Aber ist das wirklich relevant? Es zählen die Taten, und da ist die Kanzlerin in der Vorhand. Wo sie ihre Regierungszeit auf dem CDU-Parteitag als erfolgreich lobte, konnte Steinbrück jenseits von Spott über Merkels Selbstlob nur die zweifelsohne große Geschichte der SPD beschwören. Historisch-pathetische Rekurse hört man in diesen Tagen auch viele über die EU, und sie sind wiederum Ausdruck der Krise selbst. Nichts ist einfacher, als die große Vergangenheit zu beschwören, wenn man keine Antworten auf die Gegenwart hat. Doch die hat die SPD natürlich und Peer Steinbrück erst recht: Unser Land sei gespalten, Millionen seien ausgeschlossen und an den Rand gedrängt. Die Fliehkräfte in der Gesellschaft nähmen zu, aus der Marktwirtschaft sei eine Marktgesellschaft geworden ohne Moral und Ethik. Und weil Sozialdemokraten glauben, dass der Staat der einzige Gestalter und Retter ist, sind die Baustellen groß: sei es die Bildungspolitik, sei es die Familien- oder Gesundheitspolitik oder der Immobilienmarkt. Die Kosten? Bezahlen müssen die Leistungsträger mittels Steuererhöhungen und Vermögensabgaben, weil sie sich, so behauptet die SPD immer wieder, der sozialen Verantwortung verweigerten.

Hier spürt man die kulturelle Differenz zur Regierungskoalition am deutlichsten: Es ist nicht nur die Vergötterung des Staates und der Glaube an flächendeckende Betreuungspolitik, die zu weiterer Verschuldung führt, sondern auch die Verzerrung der Realität in der Bundesrepublik. Man kann ein starkes und stabiles Land notorisch schlechtreden, so als ob wir mitten im Klassenkampf wären. Ob das aber die Menschen hören wollen? Und ob sie es wirklich glauben? Die Wahlen jedenfalls werden in der Mitte der Gesellschaft entschieden. Immer noch.