Parteien

Vorglühen für die Wahl

An diesem Sonntag will die SPD ihren Kanzlerkandidaten küren und Einigkeit beweisen

Ein Heimspiel, nichts anderes soll der Wahlparteitag für Peer Steinbrück sein. Und so haben die Organisatoren einen Kracher mit ins Programm genommen: Zum Abschluss des Treffens am heutigen Sonntag in der Messe Hannover wird der Bundesliga-Gassenhauer „You'll Never Walk Alone“ aus den Boxen schallen. Damit will die SPD ihrem dann offiziell gekürten Kanzlerkandidaten für die kommenden Monate Gefolgschaft versprechen. Peer Steinbrück sitzt schließlich im Aufsichtsrat des amtierenden deutschen Meisters Borussia Dortmund – da erklingt das Lied bei jedem Partie im heimischen Stadion.

Die Parteitagsregie ist sich aber offenbar nicht sicher, ob die Idee bei allen 600 Delegierten gut ankommt. Zur Sicherheit wird deshalb auch noch die vertraute Sozi-Hymne „Wann wir schreiten Seit an Seit“ angestimmt.

Ansonsten sei die Inszenierung esonders sparsam, betont Generalsekretärin Andrea Nahles. Neu sei nur das Rednerpult fast in der Hallenmitte, von dem aus Steinbrück sprechen wird. „Von dort kann er die Delegierten von allen Seiten sehen und sie ihn auch“, so die SPD-Generalsekretärin.

Stoppuhren für den Beifall

Dass die CDU schon vorher unter den Messedächern tagte, sieht man eher als Vorteil. Von den Merkel-Festspielen will man sich jedenfalls nicht beeindrucken lassen. Allerdings dürften die Stoppuhren laufen, um festzustellen, wer von beiden den längeren Beifall schaffte. Die Kanzlerin hatte knapp acht Minuten bekommen.

Dass der SPD-Spitzenmann beim Zuspruch aus den eigenen Reihen den Vergleich mit der Kanzlerin nicht zu scheuen braucht, daran hat zumindest Nahles keinen Zweifel. „Er hat schon eine Kostprobe auf dem SPD-Parteikonvent gegeben. Da hat er die Leute mitgerissen.“ Steinbrück werde in seiner etwa einstündigen Rede zeigen, warum er die Herausforderung annehme und was er erreichen wolle. „Er wird die Alternativen klarmachen“, kündigt Nahles an. Dies gelte für Steuern ebenso wie für den Arbeitsmarkt oder den gleichen Lohn für Frauen.

Bei der Sitzung wird zudem über eine Resolution mit Kernpunkten beraten, mit denen die SPD in den Wahlkampf ziehen will. Dazu gehören Forderungen nach einem Mindestlohn und einer Mindestrente, um gegen Altersarmut und eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft vorzugehen.

Die CDU habe beim Thema Gerechtigkeit „nichts als Etiketten“ zu bieten, sagte Steinbrück der „Süddeutschen“. „Deren Mindestlohn ist kein gesetzlicher flächendeckender Mindestlohn, die Lebensleistungsrente reiner Zynismus und die Flexi-Quote keine Frauenquote.“ Auch die von der CDU ausgerufene Bildungsrepublik sei, wie die Energiewende, „nichts als eine Worthülse“.

Aufwärmen mit Hannelore Kraft

Trotz mittelmäßiger SPD-Umfragewerte zeigte sich Steinbrück zuversichtlich, die Kanzlerin im Herbst 2013 abzulösen. Merkel sei zweifellos beliebt, aber mit Beliebtheit allein gewinne man keine Wahl. „Ich bezweifele ja gar nicht, dass die Kanzlerin wertgeschätzt wird. Aber die Bürger vermissen bei ihr einen Kompass, klaren Kurs und Werteorientierung“, sagte Steinbrück. „Die Union ist entkernt. Ihr einziger Markenkern heißt Merkel. Das mag für die Union reichen, aber für unser Land ist das zu wenig.“

Ganze fünf Stunden soll der Wahlparteitag dauern. Inhaltlich beschlossen werden soll in Hannover aber noch nichts. Das SPD-Regierungsprogramm zur Bundestagswahl wird erst am 14. April 2013 in Bayern verabschiedet. Dafür wird Steinbrück wohl noch einmal auf die Debatte über seine Vortragshonorare eingehen, die ihn in den letzten Tagen erneut beschäftigte. Zumindest nach dem Eindruck der SPD-Spitze hat sich die Aufregung darüber inzwischen erheblich gelegt. Bei SPD-Versammlungen spiele das kaum noch eine Rolle. Fest geht man in der Führung davon aus, dass Steinbrück mit über 90 Prozent zum Herausforderer gewählt wird.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte Steinbrück jedenfalls schon mal die volle Unterstützung der Partei zu. Er sei sich sicher, dass Steinbrück „ein erfolgreicher Kanzler wird“. Und er werde alles dafür tun, „dass es so kommt“, sagte Gabriel der „Bild“. „Die SPD will Steinbrück als Kanzlerkandidaten, weil er der Beste ist, um den Raubtier-Kapitalismus der Finanzmärkte energisch zu bändigen.“

Zum Aufwärmen übernimmt am Sonntag Hannelore Kraft die Eröffnung. Die populäre nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin war für nicht wenige in der SPD die eigentliche Favoritin für das Spitzenamt. Doch sie wollte partout nicht. Ob auch Helmut Schmidt redet, steht noch nicht endgültig fest. Der Altkanzler, der sich als einer der ersten für Steinbrück stark gemacht hat, will aber auf jeden Fall kommen. Auch Gerhard Schröder steht auf der Gästeliste – gemeinsam mit seiner Frau Doris, die nun ebenfalls politisch Karriere machen will und im Januar für den Landtag in Hannover kandidiert. Eine Rede Schröders ist aber nicht vorgesehen, immerhin hat er es nicht weit: er wohnt in Hannover.

Richtig warm gemacht hat sich Steinbrück für sein Heimspiel übrigens bereits: Am Sonnabend besuchte er mit der Parteispitze um Gabriel den Weihnachtsmarkt in Hannover.