Kommentar

Globalisierung tut gut

Ulli Kulkeüber positive Seiten des Welthandels und Pflichten des Westens

Es hat gebrannt in Bangladesch. 110 Näherinnen starben in einer Fabrik, in der sie für westliche, auch für deutsche Importeure Kleidung herstellten. Auf die Anklagebank gehören seither für viele Zeitgenossen nicht nur die örtlichen Fabrikbesitzer, denen der Brandschutz offenbar egal ist, nicht nur die blinden Aufsichtsbehörden und nicht nur die Importeure, die sehr wohl besser hinschauen könnten, wie ihre Ware produziert wird. Nein, wieder einmal geht es nun auch um die Globalisierung insgesamt, um die miesen Arbeitsbedingungen, die sie gerade durch den vermeintlichen Zwang zur Teilhabe am Weltmarkt hervorbringt. Um Systemkritik. Zerstörung dörflicher Strukturen, Zwangsindustrialisierung, Ausbeutung pur, Kinderarbeit – all dies ist nach Ansicht vieler Zeitgenossen Folge davon, dass wir das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem den Entwicklungsländern überstülpen. Eines stimmt an den Vorhaltungen: Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel geändert in Ländern wie Bangladesch. Die Umbrüche, Anpassungen und Modernisierungen, wie immer man sie bezeichnen mag, sind dramatisch. Etwas anderes aber stimmt nicht: die Annahme, dass es den Menschen ohne Globalisierung besser ginge.

Das Gegenteil ist wahr. Auch wenn es die Lage nur grob umreißt: Vieles von dem, was heute in der Dritten Welt geschieht, hat Europa im Zuge der industriellen Revolution selbst am eigenen Leib erlebt und hinter sich gebracht: Erhöhung der Produktivität bei Ackerbau und Viehzucht, Bevölkerungswachstum, Arbeitslosigkeit auf dem Land, Landflucht, Industrialisierung und Außenhandel, vorübergehende soziale Belastungen, allerdings mit absehbarer Umkehr zur ersten sozialen Absicherung (und zum besseren Arbeitsschutz), Ende der feudalen Abhängigkeit, Demokratisierung.

An zwei Punkten hat der Westen zu Beginn der Entwicklung in der Dritten Welt eingegriffen: Die medizinische Versorgung hat die Kindersterblichkeit gesenkt, die Lebenserwartung erhöht und so das Bevölkerungswachstum in Gang gebracht. Und die Agrarforschung sorgte dafür, dass hieraus keine dauerhaften Hungersnöte entstanden. Doch eine große Zahl der Menschen hat auf dem Land keine Chance. Die Menschen ziehen in die Stadt, und zwar durchaus mit Aussicht auf Arbeit, Schulbildung und Wohlstandsgewinn, auch in den Vorstadtslums – selbst wenn wir uns das nicht vorstellen können.

Es sind bekannte asiatische Ökonomen wie Jagdish Bhagwati, die seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass die Aussichten auf Wohlstand und soziale Besserstellung dort besonders groß sind, wo der Außenhandel blüht. Abzulesen nicht nur im Weltmaßstab am Unterschied zwischen Ostasien und Afrika, sondern auch innerhalb der Regionen. Den Menschen in Ländern mit Überseehäfen geht es überall besser als denen in Binnenstaaten. In China ist der Wohlstand in der Küstenregion viel höher als im Hinterland.

Die Globalisierung gibt allerdings auch Importeuren aus dem Westen die Chance, gegen die Auswüchse fehlender Arbeitssicherheit vorzugehen. Es ist ihre Pflicht, sie zu nutzen.