Imagekorrektur

Neue Benimmregeln für Chinas Mächtige

Rote Teppiche, Blumen-Kinder und üppige Empfangsbankette sind ab sofort passé

Tief in Henan bei der Provinzhauptstadt Zhengzhou, an der Chinas Gelber Fluss vorbeiströmt, wurde im Oktober ein roter Teppich ausgelegt. Die von chronischer Trockenheit geplagte Provinz weihte ein künstlich angelegtes riesiges Auffangbecken ein, um dort künftig Wasser zu speichern. Vor der Einleitung des kostbaren Nasses trafen sich die führenden Genossen der Provinz, um das neue Bewässerungsprojekt gemeinsam zu begehen. Eine städtische Dienstleistungs-Consulting legte ihnen dafür den roten Teppich aus. Es war ein Prachtexemplar, wie später nachgemessen wurde, exakt „drei Meter breit und fast 100 Meter lang“.

Nachricht und Fotos machten Zhengzhous bürokratischen Schildbürgerstreich nicht nur zum Gespött des Landes. Im Internet lösten sie einen Shitstorm über den Gipfel an Verschwendung aus, einen roten Teppich auszulegen, nur damit sich korrupte Parteifunktionäre ihre Schuhe nicht staubig machen. 36 Stunden später, am 20. Oktober, übte das Städtische Informationsamt Selbstkritik. „Das wird uns eine ernste Lehre und Warnung sein. Wir danken den Massen für ihre Kritik.“

Image der Partei aufpolieren

Chinas neuem Parteichef Xi Jinping war das nicht genug. Kaum drei Wochen im Amt rief er eine Politbürositzung ein. Vereint brüteten die 25 mächtigsten Funktionäre Chinas, unter denen nur zwei Frauen sind, lange nach, wie sie das Image der Partei aufpolieren können. Dann hatten sie ihre acht Punkte für einen neuen Herrschaftsknigge zusammen, was künftig alles für Funktionäre als Diener des Volkes megaout sein sollte. Zhengzhou lieferte die Steilvorlage für Punkt 1, dem „schlechten Arbeitsstil auf Inspektionsreisen“. Bei Besichtigungen darf für Parteikader kein roter Teppich mehr ausgelegt werden. Auch Begrüßungskomitees mit Blumen-Kindern und üppige Empfangsbankette sind passé. Bei Auslandsvisiten soll es weniger triumphal zugehen. Fähnchen schwingende, patriotische Studenten und andere Jubelchinesen brauchen nicht mehr anzutanzen und Willkommenstransparente zu schreiben.

Beim Brainstorming, was die Massen an den Parteioberen sonst noch nervt, kam vieles zusammen. Vor allem mag das neue Volk der Autofahrer (allein in Peking sind 5,3 Millionen Pkw zugelassen) nicht, wenn es wegen seiner Parteiführer warten muss. Die Unsitte habe aufzuhören, dass sich jeder wichtigtuerische Dienstfahrer mit Polizeieskorte (Politbüromitglieder natürlich ausgenommen) an zähneknirschend wartenden Volksgenossen vorbeifahren lassen darf. Und Sparsamkeit auf „minimalsten Level“ ist die Tugend der Stunde. Das gilt auch für Dienstwagen. Je niedriger der Funktionärsrang, desto geringer auch der Hubraum.

Out ist für führende Genossen auch die lukrative Teilnahme an Ribbon-Cuttings, Grundsteinlegungen oder kalligrafischen Widmungsschreiben. Mit langatmigen Meetings und leerem Gerede voller Floskeln müsse ebenfalls Schluss sein. Um die unteren Chargen zu motivieren, müssten die Spitzengenossen mit gutem Beispiel vorangehen, rief Xi Jinping aus, der von sich selbst sagt, dass er gerne auf den Tisch schlägt, um etwas durchzusetzen.

Tatsächlich nahm sich bislang allerdings jeder neue Parteichef zu Amtsbeginn das Recht heraus, eigene Benimmregeln für die anderen zu erlassen. Und die Genossen nehmen sich die Freiheit, sich nicht darum zu kümmern. Als Vorgänger Hu Jintao 2002 antrat, brachte er es innerhalb seiner zehn Jahre für seine Funktionäre auf „acht streng verbotene generelle Handlungen und 52 konkrete, unerlaubte Handlungen“. Fürs gemeine Volk kreierte Hu die „Acht Verhaltensweisen, auf die man stolz sein darf, und acht, für die man sich schämen soll“.

Unter Parteichef Xi und seinem „neuen Arbeitsstil“ soll nun also ein frischer Wind der Effizienz durch das Land wehen. Neue Besen kehren bekanntlich immer gut – oder auch in China nur von einer Ecke in die andere.