Gesellschaft

Generation Mutlos

Allensbach-Studie: Deutsche glauben nicht an sozialen Aufstieg und Chancengleichheit

In Deutschland glauben viele Jugendliche nicht daran, beruflich einmal erfolgreicher als ihre Eltern zu werden. „Wenn ich groß bin, werde ich Hartz IV, wie Papa.“ Diese Antwort geben hierzulande bereits Achtjährige, wenn man sie fragt, was sie später einmal werden wollen. 55 Prozent der unter 30-Jährigen aus einfachen sozialen Schichten halten einen sozialen Aufstieg nicht für möglich. Individuelle Anstrengungen würden keine Rolle spielen, sagen sie, ausschlaggebend für ein soziales Fortkommen sei allein das Elternhaus. Mehr als ein Drittel der Bundesbürger teilen diese Meinung.

Ganz anders sieht es in Schweden aus. Dort sind zwei Drittel (86 Prozent) der jungen Erwachsenen davon überzeugt, dass Leistung sich lohnt und sie jede Aufstiegschance haben. Das ist das Ergebnis einer Vergleichsstudie zur Chancengerechtigkeit durch Förderung von Kindern, die das Institut für Demoskopie Allensbach für die „Bild der Frau“ erstellt hat.

Einig sind sich Deutsche und Schweden allerdings darin, dass eine frühe Förderung der Kinder für deren Bildungserfolg ausschlaggebend ist. Wie diese Förderung aussehen soll, darüber herrschen in beiden Ländern aber unterschiedliche Meinungen. Während in Deutschland Eltern eine Krippenbetreuung eher ablehnen und davon ausgehen, dass ihre Kinder in den ersten drei Jahren zu Hause am besten gefördert werden, sind laut Studie schwedische Eltern fest davon überzeugt, dass Kinder profitieren, wenn sie sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen. In Schweden werden rund 90 Prozent der Zweijährigen außer Haus betreut. Ein landesweiter Lehrplan stellt eine gute Förderung der Kinder im Kindergarten sicher.

Bessere Durchlässigkeit

In Deutschland besucht hingegen nur knapp die Hälfte der Zweijährigen eine Kita. Dabei gibt es allerdings noch immer große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. In den neuen Bundesländern herrschen annähernd „schwedische Verhältnisse“. Hier sprechen sich nur 21 Prozent der Eltern gegen eine Krippenbetreuung aus. In den alten Bundesländern sind es dagegen 52 Prozent. Bei türkischstämmigen Eltern ziehen sogar zwei Drittel eine ausschließliche Betreuung ihrer Kinder zu Hause der Betreuung in einer Kita vor.

Die Leiterin des Instituts für Demoskopie, Renate Köcher, und Sandra Immoor, Chefredakteurin von „Bild der Frau“, zeigten sich überrascht vom Statusfatalismus, der offenbar unter vielen Jugendlichen in Deutschland herrscht. Dagegen müsse man etwas tun, es spalte die Gesellschaft, sagte Immoor. Köcher wies darauf hin, dass die bessere Durchlässigkeit im schwedischen Bildungssystem zu einer höheren Erwerbsquote von Frauen sowie zu einer deutlich höheren Geburtenrate als in Deutschland führe.

Berlin habe bereits viel für die Chancengerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen getan, heißt es in der Senatsbildungsverwaltung. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), bezeichnete die Schulstrukturreform, die noch vom ehemaligen Senator Jürgen Zöllner (SPD) umgesetzt wurde, als wesentlichen Schritt zu Chancengleichheit und sozialer Durchlässigkeit. Seit 2010 gibt es im Oberschulbereich nur noch Sekundarschulen und Gymnasien. An beiden Schultypen können die Kinder das Abitur machen

Berlin sei auf dem richtigen Weg, bestätigte auch Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin. Doch sie übte auch Kritik: „Zu allererst hätte die Lehrerbildung reformiert werden müssen.“ Lehrer müssten befähigt werden, mit heterogenen Schülergruppen zu arbeiten und jedes Kind individuell zu fördern. Sprecherin Beate Stoffers betonte, dass Senatorin Scheeres ein neues Lehrerbildungsgesetz auf den Weg gebracht hat, in dem es genau darum gehe. Der Gesetzentwurf werde gegenwärtig von den Parteien diskutiert.

Kritik kam auch vonseiten der Eltern. Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses Berlin, forderte eine Veränderung der Kriterien für den Übergang von der Grundschule auf die Sekundarschule. „Ausschlaggebend ist hier der Notendurchschnitt der Zeugnisse der fünften und sechsten Klasse.“ Auf diese Weise finde eine frühzeitige Selektion statt, warnte er. Die Eltern kämpfen derzeit um eine Änderung der Aufnahmekriterien. „Wir plädieren dafür, dass neben den Grundschulempfehlungen der Elternwunsch entscheidend sein soll“, sagte Peiritsch. Er sprach sich außerdem für das lange gemeinsame Lernen der Kinder aus. „Die Gemeinschaftsschule ist ein Erfolgsmodell“, sagte er. Sie garantiere eine gute Mischung in den Klassen und verhindere, dass Kinder zu früh aussortiert werden.

Doch nicht nur in der Vorschulzeit, auch später in der Schule haben deutsche und schwedische Eltern unterschiedliche Vorstellungen zur Förderung ihrer Kinder. Die Studie zeigt, dass zwei Drittel der deutschen Eltern sich für den schulischen Erfolg ihrer Kinder verantwortlich fühlen. In Schweden seien es hingegen weniger als ein Drittel. Dort würden die Bildungsziele viel mehr an den Staat delegiert, heißt es in der von der Zeitschrift „Bild der Frau“ und dem Bundesfamilienministerium finanzierten Umfrage. Die Folge: In Deutschland hängt die Förderung von Schulkindern viel stärker vom Elternhaus ab. Entsprechend zeigt sich, dass Eltern aus der Oberschicht deutlich häufiger Förderangebote für Kinder nutzen und ihnen die Hilfe bei den Hausaufgaben deutlich leichter fällt als Eltern aus einfachen sozialen Schichten. Ein Ergebnis, das die Pisa-Schulstudien immer wieder bestätigt haben.

Entspanntheit lernen

„Wir Deutschen können von den Schweden lernen, die Elternaufgabe entspannter zu sehen“, sagte die Chefin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher. Sie forderte die deutschen Politiker auf, für ein größeres Betreuungsangebot für Kleinkinder und höhere Qualitätsstandards in den Einrichtungen zu sorgen. 46 Prozent der deutschen Eltern glaubten, dass ein Kleinkind leidet, wenn es nicht bei der Mama ist, heißt es in der Studie. Schwedische Eltern seien fest davon überzeugt, dass Kinder davon profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen.

Für die Studie „Chancengerechtigkeit durch Förderung von Kindern – ein deutsch-schwedischer Vergleich“ befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag von „Bild der Frau“ 1835 Personen in Deutschland und 1058 Personen in Schweden