Anschlag

Der Attentäter war ein Israeli

Ein Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft gesteht den Bus-Anschlag in Tel Aviv. Neuer Zwischenfall an der Grenze zum Gaza

Der Anschlag hatte Israel noch kurz vor Beginn der Waffenruhe erschüttert, 17 Menschen waren bei der Explosion eines Busses in Tel Aviv verletzt worden. Nun hat die Festnahme des Täters und sein Geständnis das Land erneut aufgewühlt: Er ist israelischer Staatsbürger. Mehrere im Westjordanland festgenommene Männer, die der Hamas und der Terrorgruppe Islamischer Dschihad angehören, haben den arabischen Israeli aus Taibeh nach eigenen Angaben für die Tat rekrutiert. Mehr als 1,5 Millionen der knapp sieben Millionen Einwohner des Landes sind Araber, und sie sind hin und her gerissen zwischen ihrer Identifikation mit der arabischen Welt und ihrer israelischen Staatsbürgerschaft.

Ehrung für einen Terroristen

Die israelische Militäroperation im Gazastreifen hat latente Spannungen wieder hochkochen lassen. Bereits einen Tag, nachdem die israelische Armee (IDF) den Militärchef der Hamas Ahmad al-Dschabari getötet hatte, versammelten sich Tausende arabische Israelis vor der Universität von Haifa im Norden Israels und schwiegen eine Minute in Gedenken an Dschabari. Dieser Ehrung für einen Mann, den die israelische Regierung als Terroristen bezeichnete, der die Zerstörung des Staates Israels zum Ziel hat, folgten Dutzende Demonstrationen in arabischen Städten des Landes. Die größte war in Um al-Fahm, wo Hunderte arabischer Israelis mit palästinensischen Fahnen durch die Straßen marschierten und Slogans gegen die israelische Regierung riefen. Studenten der Universität Haifa reagierten wütend, und Bürgermeister Yonah Yahav schrieb einen Brief an den Universitätspräsidenten, in dem er die Gedenkminute für Dschabari verurteilte. An der Universität von Tel Aviv standen während der Angriffe aus Ziele im Gazastreifen jeden Tag israelische Araber am Eingang zum Campus und protestierten, während Dutzende jüdischer Studenten für die Operation und gegen die arabischen Kommilitonen demonstrierten und dabei riefen „Tod den Arabern!“ und „Wir sind alle IDF-Soldaten!“

Mehr als die Hälfte der arabischen Israelis leben im Norden Israels, knapp 40 Prozent in überwiegend jüdischen Städten wie Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Die arabischen Siedlungen haben oft schlechtere Straßen, unzureichende Abwassersysteme und erhalten weniger öffentliche Gelder für Bildung und Kultur. „Die überwiegende Position der arabischen Israelis war, dass sie von Israel ein sofortiges Ende der Aggression gegen die Palästinenser verlangten“, sagt Jack Houri von der Tageszeitung „Haaretz“. „Sie betrachteten die Raketen der Palästinenser auf Israel als einen Akt der Selbstverteidigung und als Vergeltung für israelische Aggression.“ Die Israelis seien in ihren Augen die Aggressoren.

Die arabischen Israelis werden von fünf Parteien repräsentiert, im Parlament, der Knesset, sind 13 der 120 Abgeordneten Araber. Einer von ihnen, Ahmed Tibi von der arabisch-israelischen Partei Taál, geriet in einer Diskussionsrunde des Fernsehsenders Kanal 2 während der Gaza-Operation mit einem der anderen Gäste aneinander. Militär-Experte Roni Daniel von Kanal 2, erklärte, nur mit einer Bodenoffensive würde man wirklich strukturelle Veränderungen im Gazastreifen erreichen. Daraufhin verlor Tibi die Fassung und schrie: „Sie haben kein Herz! Denken Sie gar nicht an die Kinder, die getötet werden? Was für ein Journalist sind Sie?“ Daniel betonte, er bedauere alle unschuldigen Opfer, hielt aber an seiner Einschätzung fest. Die Knesset hatte Tibi Anfang des Jahres wegen einer Rede gerügt, die er vor einem arabischen Publikum gehalten und in der er gesagt hatte, „gesegnet sind die Märtyrer jenseits der Grünen Linie (in den Gebieten, die Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt hatte), die, die der Besatzer gern als Terroristen bezeichnet“. Der arabische Abgeordnete Hanin Zuabi wurde von der Knesset ausgeschlossen, weil sie an der Gaza-Flottille im Mai 2010 teilgenommen hatte. Zuabi wurde für ihre Loyalität gegenüber den Palästinensern heftig kritisiert.

Unterdessen haben israelische Soldaten am zweiten Tag der Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern am Grenzzaun des Gazastreifens nach Angaben aus Gaza-Stadt einen Menschen erschossen. Weitere 24 Palästinenser seien am Freitag durch israelisches Feuer verletzt worden, teilte der Sprecher des Gesundheitsministeriums der Mittelmeer-Enklave, Aschraf al-Kedra, mit. Die israelischen Streitkräfte bestätigten, dass Warnschüsse auf Demonstranten am Grenzzaun abgegeben worden seien. Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas warf Israel eine Verletzung der seit Mittwochabend (20 Uhr MEZ) geltenden Waffenruhe vor. Sie werde Ägypten als Garanten der Waffenruhe bitte, bei Israel zu intervenieren.

Schießerei an der Grenze

Den ersten Zwischenfall seit Beginn der Waffenruhe stellten beide Seiten unterschiedlich dar. Augenzeugen im Gazastreifen sagten, am Morgen seien zunächst fünf Bauern östlich von Chan Junis auf ihren Feldern in der Nähe des Grenzzaunes von israelischen Soldaten angeschossen worden. Daraufhin habe es eine spontane Demonstrationen von Bewohnern zweier nahe gelegener Dörfer gegeben. Einer der Demonstranten sei mit einer palästinensischen Flagge in der Hand auf den Zaun zugelaufen und dann erschossen worden. Weitere 19 Teilnehmer des Protestmarsches seien durch israelische Kugeln verletzt worden.

Das israelische Militär teilte auf Anfrage mit, schon seit dem Vorabend habe es Unruhen in der Nähe des schwer bewachten Zaunes gegeben. Palästinenser seien durch die 300 Meter breite Speerzone westlich des Zaunes bis an die Sperranlage selbst vorgedrungen. Mindestens einer sei hinübergeklettert und kurzfristig auf israelisches Gebiet gelangt. Einige hätten Löcher in die Absperrung geschnitten. Die Armee habe keine Informationen, ob es Tote oder Verletzte bei den Unruhen auf der Gaza-Seite des Zaunes gegeben habe.

Es sei der erste Zwischenfall seit Beginn der Waffenruhe. Bis auf fünf Raketen in der ersten Stunde der Waffenruhe sei Israel danach nicht mehr aus dem Gazastreifen angegriffen worden.