Integration

Lernen von Kanada

Berlin-Institut empfiehlt Deutschland, Punktesystem zur Integration zu übernehmen

– „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“ So hieß es jahrelang. Zuwanderer waren als „Gastarbeiter“ willkommen, um hier Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu stopfen. Dass sie blieben, war nicht vorgesehen. Heute leben elf Millionen Zuwanderer in Deutschland. Nach den USA und Russland ist Deutschland damit das drittgrößte Einwanderungsland der Welt – noch vor Kanada, das mit sieben Millionen Einwanderern Platz fünf erreicht. Da in Kanada weniger Menschen leben als in Deutschland, ist der Anteil der Zugewanderten mit 21,1 Prozent höher als hierzulande mit 13,1 Prozent. Es gibt weitere Unterschiede: Die Zuwanderer sind höher qualifiziert und besser in den Arbeitsmarkt integriert als in Deutschland.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat untersucht, was Deutschland, den Autoren der Studie zufolge ein „Einwanderungsland wider Willen“, von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens rekrutiert die Zuwanderungspolitik über ein Punktesystem gut Ausgebildete und Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt nachgefragt sind, wie etwa Pfleger oder Arbeiter in der Ölindustrie. Zweitens bietet das Land den Zugewanderten ein ausgeklügeltes Angebot an Integrationshilfen, von denen gerade auch die zweite Generation der Migranten profitiert. Mit Kursen schon im Heimatland werden die Zuwanderer auf Kanada vorbereitet. In Kanada selbst helfen „Brückenkurse“, häufig auch mit Mentorenprogrammen der Arbeitgeber, bei der Integration.

Dank der gesteuerten Zuwanderung arbeiten in Kanada 74,9 Prozent der Einwanderer, in Deutschland nur 68,7Prozent. Besonders erfolgreich seien die Erfolge der zweiten Generation. Die Kinder der Migranten machen dort überwiegend einen akademischen Abschluss und übertreffen damit den Nachwuchs der Einheimischen bei Weitem. In Deutschland liegen die Migrantenkinder bei den hohen und mittleren Abschlüssen dagegen hinter den Einheimischen.

Kern des kanadischen Modells ist ein Punktesystem, das Einwanderungswillige nach Ausbildung, Sprachfähigkeiten und dem Alter auswählt und damit klar auf hoch qualifizierte Fachkräfte zielt. Wer diese Kriterien erfüllt, kann auch ohne Jobangebot einreisen. Das Berlin-Institut empfiehlt Deutschland ebenfalls ein Punktesystem. Zusätzlich müsste es aber wie in Kanada eine „über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gesteuerte Zuwanderungsvariante“ geben. In Deutschland gibt es seit diesem August die Bluecard für Akademiker aus Staaten außerhalb Europas. Sie müssen dafür einen Job in Deutschland mit einem Gehalt von mindestens 44.800 Euro nachweisen. In Mangelberufen liegt die Gehaltsschwelle nur bei 35.000 Euro. Zudem dürfen Akademiker sechs Monate nach Deutschland kommen, um hier einen Job zu suchen, wenn sie sich selbst finanzieren können.