Birma-Besuch

Historischer Kuss in Rangun

Barack Obama besucht als erster US-Präsident Birma und überrascht mit seiner Wortwahl

Was für ein Augenblick: Zwei Friedensnobelpreisträger treffen sich, die eine ist Demokratie-Ikone eines früher unterdrückten Volkes, der andere der Präsident der größten Supermacht der Erde, der zum ersten Mal den ehemaligen Schurkenstaat besucht. Aung San Suu Kyi und Barack Obama umarmen sich nach ihrem Treffen wie gute Freunde, der US-Präsident küsst Birmas berühmtester Oppositionspolitikerin die Wangen.

„Airforce One“, die Maschine des US-Präsidenten, hat gegen zehn Uhr morgens birmanischen Boden berührt. In dem Moment, als der US-Präsident gemeinsam mit Außenministerin Hillary Clinton aus dem Flugzeug in die feucht-heiße Luft heraustritt, schallt ihnen Jubel entgegen. US-Flaggen werden geschwenkt, und 3000 Schulkinder in traditioneller Kleidung bringen Blumen.

„Ihr habt uns Hoffnung gegeben“, ruft Obama dem birmanischen Volk zu, das die Straßen von Rangun säumt, um den Gast aus Washington zu begrüßen. In Birmas ehemaliger Hauptstadt wird an diesem Montag Geschichte geschrieben, und Zehntausende wollen dabei sein. Überall sind US-Fähnchen zu sehen, und die Menschen brechen spontan in „Amerika“-Rufe aus. Viele versuchen, mit ihren Handys Fotos von der vorbeirasenden Limousine mit dem Präsidenten zu machen.

Obama ist der erste amtierende US-Präsident, der das südostasiatische Land besucht, das noch bis vor zwei Jahren eine rücksichtslose Militärjunta regiert hat, bevor Mitglieder eben dieser Junta den Wandel einläuteten. Und so verfolgt Birma seit 2010 einen bemerkenswerten Reformkurs und überrascht seine Kritiker mit raschen Demokratisierungsschritten. „Amerika ist bei euch“, sagt Obama und: „Ihr dürft den Schwung nicht verlieren.“

Birmas Präsident Thein Sein versichert Obama der Nachrichtenagentur Mizzima zufolge: „Wir bewegen uns voran.“ Der US-Präsident lobt die Fortschritte Birmas. Die Reformen könnten „das unglaubliche Potenzial dieses schönen Landes entfesseln“ und der ganzen Welt „die Macht eines Neuanfangs vor Augen führen“. Die Bemühungen um größere Freiheiten für die Bevölkerung hätten schließlich gerade erst begonnen. Der Weg sei noch weit. Das Land befinde sich „auf einer bemerkenswerten Reise“, die aber „noch deutlich weiter gehen muss“.

Für viele überraschend nennt Obama das Land auch Myanmar. Den Namen hat die Junta 1998 eingeführt, auch die neue Regierung bevorzugt ihn. Den alten Namen Birma hingegen verwendeten traditionell stets Demokratie-Befürworter. Ihn benutzte auch die US-Regierung ausschließlich. Kurz vor dem Besuch Obamas hat Birma übrigens eine Überprüfung seiner Justizfälle im Rahmen internationaler Standards sowie den Zugang des Roten Kreuzes zu den Haftanstalten des Landes zugesagt.

Nach seinem Treffen mit Thein Sein in Ranguns Parlamentsgebäude besucht Obama dann Aung San Suu Kyi in ihrer Residenz. Hier hat die Politikerin den Großteil der vergangenen zwei Jahrzehnte unter Hausarrest verbracht. Von hier aus lenkt sie jetzt die Politik ihrer Partei, der wieder zugelassenen Nationalen Liga für Demokratie. Suu Kyi sagt bei der Pressekonferenz mit Obama, Birma dürfe sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen: „Die schwierigste Zeit in jeder Transition ist jene, wenn wir denken, Erfolg sei in Sicht. Dann müssen wir sehr vorsichtig sein, dass wir uns nicht vom Wunder einlullen lassen.“

Am Nachmittag reist Obama weiter zum Asean-Gipfel im kambodschanischen Phnom Penh. Der sechsstündige Besuch in Birma ist der Höhepunkt seiner viertägigen Reise durch Südostasien, die am Wochenende in Bangkok begonnen hat und an diesem Dienstag in Phnom Penh endet. Es ist die erste Auslandsreise seit seiner Wiederwahl und gleichzeitig eine Botschaft: Die USA suchen ihre wichtigen Partner von morgen nicht mehr in Europa, sondern in Asien. Hier treffen die Interessen der beiden großen Mächte des 21. Jahrhunderts aufeinander: Amerika und China.