Kommentar

Elternzeit ist die beste Investition

Robin Alexander über den Vorschlag, die Zahl der Monate für die Kinderbetreuung zu verringern

Zwei Meldungen überraschen, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Erstens, die sogenannte Blue Card, also die erleichterte Zuwanderung für Fachkräfte, ist ein Flop. Wer qualifiziert ist, will nur selten nach Deutschland, sondern zieht Länder vor, in denen Englisch gesprochen wird. Zweitens, die Arbeitgeberverbände fordern, die Elternzeit radikal zu verkürzen. Mütter und Väter sollen künftig nicht mehr so viele Monate mit ihren Neugeborenen verbringen, sondern schneller an den Arbeitsplatz zurückkehren. Auch an das Elterngeld will Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ran, weil es von der Rückkehr in den Beruf abhalte.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nun, hier konkurrieren zwei Lösungen um das gleiche Problem: den Fachkräftemangel. Weil in der Vergangenheit zu wenig Kinder geboren wurden, geht Deutschland aus, was es lange stark gemacht hat – gut ausgebildete Menschen. Die Idee von Arbeitgeberpräsident Hundt liegt also nahe: Wenn wir weniger werden, müssen diese wenigen mehr arbeiten, um Wohlstand zu erhalten. Da hat er recht, deshalb ist die Erhöhung der Lebensarbeitszeit mit der Rente mit 67 zwar unpopulär, aber richtig.

Würden uns also auch Mütter und Väter nutzen, die ihr Kind schon ein oder ein halbes Jahr nach der Geburt abgeben und schneller wieder arbeiten – am besten in Vollzeit? Im Einzelfall ist dies durchaus ein lebbares Modell. Als gesellschaftlicher Standard – und darum geht es hier – hingegen nicht. Auch die Arbeitgeber sollten bedenken: Kinder großzuziehen, sie zu pflegen und zu bilden, ist nie umsonst. Familien leisten dies viel kostengünstiger als staatliche Einrichtungen. Und auch effektiver. Gerade Studien aus Berliner Kindertagesstätten belegen, dass sich auch gut geführte und ausgestattete Einrichtungen schwertun, Defizite auszugleichen, die im Elternhaus entstanden sind. Das ist kein Plädoyer gegen Krippe und Kita. Im Gegenteil: Kinderbetreuung hilft Eltern sehr, aber sie kann Eltern nie ersetzten.

Denn auch das wissen wir in Berlin leider aus eigener Erfahrung mit unseren Problembezirken besonders gut: Das Zerbrechen von Familien ist es, das schon heute Kinder und Erwachsene in die dauerhafte Abhängigkeit von teuren staatlichen Transferleistungen treibt. Es gibt viele Formen von guten Beziehungen und gelungenem Leben, aber eines stimmt auch – in der Regel geht es Kindern besonders gut, wenn sich Mutter und Vater um sie kümmern. Und dafür muss man ihnen auch die Zeit geben. Richtig wäre es daher, die Möglichkeiten beruflicher Auszeiten flexibler zu gestalten: Mütter, Väter – und warum nicht im Einzelfall auch Großeltern – sollten sie nutzen, wenn die Kinder klein sind. Vielleicht auch, wenn diese in einem schwierigen Alter sind. Dafür muss Zeit sein, gerade wenn wir 50 und mehr Jahre im Leben arbeiten sollen.

Die Wirtschaft hat also ein ureigenes Interesse, die Familie stark zu machen. Denn in der Familie werden heute die geboren, die in 20 Jahren unsere Unternehmen brauchen. Woanders – siehe Blue Card – kommen sie nicht her.