US-Präsident

Gipfel der Hoffnungsträger

Auf seiner Asienreise trifft US-Präsident Barack Obama heute in Birma auf Aung San Suu Kyi

Barack Obamas erste Auslandsreise nach seiner Wiederwahl führt ihn nach Thailand und Birma und am heutigen Montag weiter nach Kambodscha. Der Besuch Südostasiens könnte Balsam sein für die Seele des US-Präsidenten. Denn hier ist er ein Star, immer noch ein Mann, dem die Qualitäten eines Messias zugeschrieben werden. In Birma trifft er nicht nur auf einen reformorientierten, aber eher drögen Präsidenten Thein Sein, sondern auch auf einen weiblichen Messias, auf Aung San Suu Kyi, auf der die Hoffnungen vieler ihrer Landsleute ruhen.

Die beiden haben vieles gemeinsam. Beiden wurde der Nobelpreis ein Jahr nach grandiosen Wahlsiegen verliehen, Suu Kyi im Jahr 1991, Obama 2009. In beiden Fällen war die Verleihung mit hohen Erwartungen verknüpft. Von Obama wurde nichts weniger als die Etablierung einer neuen, gerechten, friedlichen Weltordnung erhofft, von Suu Kyi der Kampf für ein demokratisches Birma und die universale Ausbreitung einer Freiheit, die sich nicht auf Bajonette stützt.

In beiden Fällen beruhten die Hoffnungen auch darauf, dass die Preisträger in ihrer Person eine Versöhnung von Gegensätzen repräsentieren. Obama, der Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter und noch dazu mit dem islamischen Vornamen „Hussein“ versehen, schien berufen, die Welten Afrikas und Asiens mit der durch die Weißen dominierten westlichen Hemisphäre zu versöhnen. Dasselbe wurde von der in Birma geborenen Tochter des Nationalhelden und Generals Aung San erhofft, die ihre Ausbildung in Oxford erhalten und lange im Westen gelebt hat. Zudem ist sie eine Frau und verbindet in den Augen ihrer Anhänger in Ost und West das Erbe ihres starken Vaters mit buddhistischer Sanftheit. In beiden Fällen waren die Erwartungen völlig überzogen. Obama musste nach vier durchwachsenen Amtsjahren hart um seine Wiederwahl kämpfen, Suu Kyi musste akzeptieren, dass das Militär eine Verfassung für Birma durchsetzte, die sie strikt abgelehnt hatte.

Der Besuch des US-Präsidenten könnte Birma nicht nur Positives bringen. Positiv ist für das Land zweifellos, dass die USA die neue Regierung mit diesem Besuch endgültig anerkennt. Negativ wird sein, dass der Hype um die Begegnung der beiden Polit-Ikonen die Neigung der Mehrheit der birmanischen Bevölkerung verstärkt, das politische Heil von den charismatischen Führern zu erwarten und sich damit von der eigenen Mitwirkung am politischen Prozess zu verabschieden.

Die eigentliche Reformarbeit steht noch aus. Vertrauen in Personen muss durch Vertrauen in zuverlässige Institutionen ersetzt werden: in Politik, Wirtschaft, Recht und Presse. Von den Medien erwarten nach dem Ende der Zensur die ausländischen Beobachter, dass sie von heute auf morgen als vierte Gewalt die Regierung und die Legislative kontrolliert. Aber es gibt kaum ausgebildete Journalisten, und die Unabhängigkeit der Zeitungen steht auf schwankendem Boden. Die Freiheit der Berichterstattung droht nach dem Ende der Zensur in eine materielle Abhängigkeit von einflussreichen Anzeigenkunden zu münden.

Birma und seine Institutionen müssen neu erfunden werden. Das wird sehr viel Zeit kosten. Obamas Besuch durch neue, überzogene Erwartungen kontraproduktiv sein. Außerdem ist fraglich, was er und seine Berater von den Realitäten im Lande wirklich wissen.