Zuwanderung

Blue Card wird zum Ladenhüter

Gerade einmal drei Ausländer fanden seit der Neuregelung den Weg nach Deutschland

Make it in Germany – so wirbt das Willkommensportal der Bundesregierung im Internet um qualifizierte Fachkräfte im Ausland. Mit bunten Bildern von grünen Alleen, Windrädern und einer zünftigen Brotzeit präsentiert sich Deutschland als Standort der Visionen, Stabilität und „Lebensfreude pur“. Bei einem „Quick Check“ können die Interessenten erfahren, ob sie und ihre Qualifikationen in Deutschland gefragt sind. „Deutschland sucht Sie“, heißt es da: „Als Fachkraft haben Sie gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt.“ In fünf Schritten wird gezeigt, wie die Interessenten zu einem Job in Deutschland kommen.

Doch bei den Hochqualifizierten außerhalb Europas verhallt der Lockruf weitgehend ungehört. An der eigens im August eingeführten Blue Card, die den Qualifizierten aus aller Welt den Weg nach Deutschland ebnen soll, zeigt kaum jemand Interesse. Gerade einmal 139 Blue Cards wurden in den ersten zwei Monaten nach Zahlen des zuständigen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vergeben. Davon gingen 112 an Ausländer, die bereits vor 2012 nach Deutschland eingereist sind. Die meisten waren bereits mit einem anderen Aufenthaltstitel im Land und wechselten lediglich in den neuen Blue-Card-Status.

„Der Massenansturm von Fachkräften bleibt aus“, stellt Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) fest. Nach Jahrzehnten der Abschottung hänge Deutschland nach wie vor der Ruf an, Zuwanderer seien nicht willkommen – obwohl das Zuwanderungsrecht deutlich liberaler geworden sei. „Deutschland wird als nicht so attraktiv wahrgenommen und ist auch wegen der Sprache schwierig“, erklärt die Expertin.

Dabei hatte sich die Bundesregierung viel von der neuen Blue Card versprochen. Die Attraktivität des Standortes Deutschland für qualifizierte Zuwanderer werde spürbar steigen, war sich Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) im August sicher. Nach zähem Ringen in der schwarz-gelben Koalition wurden die Hürden für qualifizierte Einwanderer in diesem Sommer deutlich gesenkt. Vor allem die FDP und die Wirtschaft hatten darauf gedrängt. Die Wirtschaft hatte dabei für ein Punktesystem nach dem Vorbild klassischer Einwanderungsländer wie Kanada und Australien plädiert.

Daraus wurde zwar nichts, aber immerhin kam die Blue Card. Die blaue Karte können Hochschulabsolventen aus Staaten außerhalb Europas erhalten, wenn sie einen Arbeitsvertrag mit einem Arbeitgeber in Deutschland mit einem Gehalt von mindestens 44.800 Euro im Jahr vorlegen. In Berufen, in denen bereits jetzt Fachkräftemangel herrscht, wie bei Ärzten oder Ingenieuren, liegt die Gehaltsschwelle nur bei 35.000 Euro. Darüber hinaus dürfen Akademiker aus aller Welt sechs Monate nach Deutschland kommen, um hier eine Arbeitsstelle zu suchen, wenn sie den Lebensunterhalt in dieser Zeit selbst tragen.

SVR-Expertin Fincke lobt diese Regelung als bahnbrechende Neuerung. Erstmals könnten auch Hochqualifizierte ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland kommen. Fincke sprach von einem „Mini-Punktesystem“, das weiter ausgebaut werden könnte. Allerdings würde es „extrem schlecht beworben“. Tatsächlich sind die aktuellen Zahlen niederschmetternd: Gerade einmal drei Ausländer fanden dank der Neuregelung den Weg zur Arbeitssuche nach Deutschland. In drei Jahren soll die Neuregelung überprüft werden. „Wir fürchten, dass sie dann wieder abgeschafft wird, mit der Begründung, es sei ja ohnehin niemand gekommen“, sagt die SVR-Expertin. Eine große Chance, mit neuen Zuwanderungsregeln zu experimentieren, werde somit vertan.