Nahostkonflikt

Von der Pflicht des Vaters, das eigene Kind zu belügen

Kaum etwas ist im Journalismus so verpönt wie der Gebrauch der ersten Person Singular. Zu Recht.

Wer sich selbst im Zentrum der Geschichte platziert, verliert leicht den Überblick, wer sich zum Handelnden macht, ist ein schlechter Beobachter. Doch was, wenn die Umstände dem Beobachter keine Wahl lassen? Das ist soeben, am Sonnabendnachmittag um kurz nach halb fünf, geschehen.

Wir hatten Besuch, als die Sirenen anhoben. Langsam und ohne vor den Kindern Panik verbreiten zu wollen, machten wir uns dann auf den Weg in den Schutzraum: vier Erwachsene und fünf Kinder. Der Hund verstand nicht, was los war, und wollte nicht kommen. Unsere Große machte sich Sorgen. „Wo ist Katja, warum kommt Katja nicht?“, fragte sie nervös. Katja kam, sie wollte nur nicht ohne Knochen hinter der Stahltür verschwinden. Einer unserer Gäste, ein Bundeswehrsoldat, redete als Ablenkungsmanöver pausenlos davon, wie praktisch dieser kleine Raum doch zur Aufbewahrung von Einmachgläsern sei und dass man hier dringend mal aufräumen müsste. Zumindest mit Letzterem hatte er recht: Wie alle israelischen Familien haben wir den Schutzraum zu einer Rumpelkammer verkommen lassen. Wer wollte schon glauben, man würde ihn mal brauchen.

Wir haben drei Kinder: Der Kleinste ist ein halbes Jahr alt und sorgt sich um nichts außer seiner nächsten Milchmahlzeit, die Mittlere ist dreieinhalb, hat ein sonniges Gemüt und es bisher fertiggebracht, das allgegenwärtige Gerede von Raketen und Sirenen erfolgreich zu ignorieren. Die Große aber macht uns Sorgen. Sie ist eher der sensible Typ: Wenn in der beschaulichen Verfilmung von „Wir Kinder aus Bullerbü“ der gar nicht nette und etwas bollerige Schuster Herr Nett auftaucht, können schon mal Tränen fließen.

Unsere Kinder wachsen in einem – wie man so sagt – behüteten Elternhaus auf. Vom Nahost-Konflikt hat selbst die Große noch nichts gehört. Unser Erziehungskonzept entscheidet sich da vom israelischen Mainstream, der eher zu der Überzeugung neigt, man könne dem Nachwuchs gar nicht früh genug klarmachen, dass Antisemiten und Islamisten ihm nach dem Leben trachten werden. Am Holocaust-Gedenktag gehen unsere Kinder ebenso wenig in die Schule und in den Kindergarten wie am Gedenktag für die Gefallenen. Nach unserer Überzeugung hat der Massenmord an den europäischen Juden im Weltbild einer Dreijährigen nichts zu suchen, auch nicht in der abgeschwächten Version unserer Nachbarskindergärtnerin: „Der böse Hitler hat vielen, vielen jüdischen Kindern sehr wehgetan.“

Nun, da einmal täglich die Sirenen kreischen, lässt sich aber nicht mehr alles geheim halten. Und auch wenn bisher keine Rakete im Großraum Tel Aviv eingeschlagen ist – das Weltbild meiner sechsjährigen Tochter steht vor der Zerstörung. Ob ich von dem vierjährigen Jungen gehört habe, der verletzt wurde und im Krankenhaus ist, fragte sie mich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Ob ihr so etwas auch passieren könne? Nein, natürlich nicht, lüge ich. Das sei vollkommen unmöglich. Mit ihren fast sechs Jahren glaubt sie zwar nicht mehr, dass ihr Vater alles kann. Aber in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit traut sie mir noch immer eine Menge Dinge zu, die objektiv meine beschränkten Fähigkeiten überschreiten. Woran soll sie denn glauben, wenn nicht daran, dass sie im Schoß der Familie vollkommen sicher ist? Darum belüge ich mein Kind in diesen Tagen dauernd, es ist meine Pflicht.

Immer wieder redet unsere Große von dem Schutzraum, den sie ja erst zwei Mal besuchen musste. Sie möchte wissen, was ihre Großmutter gemacht hat, als die Sirene kreischte, und verlangt zu verstehen, warum es überhaupt Raketen gibt. Und wieder müssen wir uns davor drücken, Dinge zu erklären, die wir noch für uns behalten wollten. Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Natürlich dürfen und sollen auch meine Kinder ihrer heilen Kinderwelt entwachsen, um sich langsam in der nicht ganz so idyllischen Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Gewiss aber muss man alles tun, um zu verhindern, dass diese selbst für Erwachsene schwer zu ertragende Realität sich nun mit jedem Luftalarm erbarmungslos in das Bewusstsein einer Sechsjährigen drängt. Gleichzeitig weiß ich, dass es im Süden Israels und in Gaza viel zu viele Kinder gibt, die längst verstanden haben, dass sie im Ernstfall niemand schützen kann.