Konflikt

Avner zieht wieder in den Krieg

Ein junger israelischer Vater wird einberufen. Ein Palästinenser weint um seinen kleinen Sohn

Als Avner das letzte Mal in den Krieg zog, war er noch fast ein Junge. Das war vor sechs Jahren. Der Einberufungsbefehl kam per Telefon, nach einer durchgefeierten Nacht. Avner lebte damals mit zwei Freunden in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Süden Tel Avivs. Die Dusche war in der Küche, wo sich auch das dreckige Geschirr stapelte. „Innerhalb von 24 Stunden musste ich mich auf meiner Basis melden“, erinnert er sich. Auch seine Mitbewohner seien eingezogen worden. „Wir hatten Kopfschmerzen.“ Das Geschirr hat er in der Spüle stehen lassen. Als er nach mehr als zwei Wochen aus dem Libanon zurückkehrte, hatte sich eine Schimmelschicht gebildet. „Seitdem wasche ich jeden Abend ab“, sagt er.

Jetzt haben sie ihn wieder einberufen, zu seiner Artillerieeinheit, bei der er jährlich einen Monat Reservedienst leisten muss. Avner ist kein Junge mehr. Er hat geheiratet, schnell, nach dem Krieg: „Vielleicht hatte das damit zu tun“ Die Erinnerungen an den Krieg seien nicht gut, sagt er. Man sehe da „schlimme Dinge“, man wolle dann schnell etwas anderes, Leben zum Beispiel. Mehr sagt er nicht. Avner hat heute zwei Kinder, und er hat Angst, dass er nun bald in einem Panzer in den Gazastreifen einziehen muss.

Noch immer scheint nicht entschieden, ob es zu einer groß angelegten Bodenoffensive kommen wird. Man werde die Offensive „signifikant ausweiten“ wurde ausländischen Diplomaten am Sonnabend mitgeteilt. Der Befehlshaber der Heimatfront hat die israelischen Kommunen angewiesen, sich darauf einzustellen, dass die Kampfhandlungen bis zu sieben Wochen dauern könnten. Die Mobilisierung von bis zu 72.000 Soldaten hat das Kabinett genehmigt. Zur Militäraktion „Gegossenes Blei“ im Gazastreifen im Winter 2008 hatten der israelischen Regierung noch weniger als 10.000 Reservesoldaten genügt. Kaum jemand glaubt aber, mit der größten Mobilisierung seit 1982 werde eine Wiederbesetzung des Gazastreifens geplant. Wahrscheinlich möchte Israel nur kein Zeichen der Schwäche zeigen: Wer weiß, auf welche Ideen die libanesische Hisbollah oder das syrische Regime kommen, wenn alle schlagkräftigen Kräfte im Süden des Landes konzentriert sind.

Hat Avner daran gedacht, dem Aufruf nicht Folge zu leisten? „Nein“, sagt er entschieden. Zwei Mal hätten die Sirenen nun auch in Tel Aviv gekreischt. „Es geht um mein Land, um meine Familie“, sagt Avner. An seinem letzten Abend daheim wird er mit seiner Frau ausgehen. So wild feiern wie früher werden sie aber nicht.

Tod durch einen Feuerball

Omar hatte gerade zu sprechen begonnen. Es waren die üblichen Wörter: Mama, Papa – was ein elf Monate altes Kind so sagt. „Er war so ein Sonnenschein, hat immerzu gelächelt“, sagt die junge Mutter und stockt. Auch am Tag nach der Beerdigung fällt es Ahlam schwer, von ihrem Sohn in der Vergangenheitsform zu sprechen. Als sie die Einschläge am Mittwochabend näher kommen hörte, nahm die junge Mutter ihren vierjährigen Sohn in den Arm und flüchtete in das Nebenzimmer ihrer kleinen Wohnung, die Betondecke schien ihr etwas sicherer als das Wellblechdach. Ahlams Schwester mit dem kleinen Omar auf dem Arm wollte ihr folgen, doch da erfüllte schon ein Feuerball das Zimmer. Für den kleinen Omar war es zu spät, auch Ahlams Schwester starb in den Flammen, ein Bruder wurde schwer verletzt.

Das Haus von Ahlam und Dschihad Mascharawi war kein Ziel gewesen. Es wurde wohl aus Versehen von den Resten einer Bombe getroffen, sagt Dschihad später dem arabischen Dienst der BBC, für die er als Videoeditor arbeitet. Verweint und vor Trauer zitternd hält er den in ein weißes Tuch gewickelten Leichnam seines Sohnes im Arm. Was er jetzt noch sagen wolle, fragt ihn sein Kollege und hält ihm das Mikrofon hin. Während um ihn herum einige Männer beginnen „Gott ist groß“ zu skandieren, schaut Dschihad etwas hilflos in die Kamera: „Was hat er getan?“, fragt er dann leise. „Er war elf Monate alt, was hat er denn getan?“

Zweifellos ist Omars Tod eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Nicht nur in den sozialen Netzwerken werden in diesen Tagen hitzige Debatten geführt. Die Hamas sei mit ihrer Taktik, sich hinter Zivilisten zu verstecken, letztlich für den Tod von unschuldigen Kindern verantwortlich, heißt es dann von den Unterstützern Israels. Es wird daran erinnert, dass in Syrien an einem einzigen Tag mehr als drei Mal so viele Menschen ums Leben kommen und dass das seit der Eskalation um Gaza keinen Menschen mehr interessiert. Und in Ägypten ist es unter Politikern beliebter, die israelischen „Verbrechen“ zu brandmarken, als das heimische Eisenbahnnetz in Ordnung zu bringen, dessen desolater Zustand am Samstag 47 Kinder das Leben gekostet hat. Tatsächlich hat die israelische Luftwaffe seit Mittwoch etwa 800 Angriffe geflogen. Am Samstagnachmittag waren dabei insgesamt 39 Palästinenser ums Leben gekommen, 13 von ihnen Zivilisten. Das sind 13 tragische Fälle, aber selbst harsche Kritiker der israelischen Regierung wie der Friedensaktivist Uri Averny bescheinigen der Armee, im Vergleich zur Offensive vor vier Jahren dazugelernt zu haben. Doch was, wenn die Bodenoffensive folgt? Stehen der mögliche Nutzen und das Risiko für die Zivilbevölkerung und die Truppen noch in einem angemessenen Verhältnis, nachdem nach israelischen Angaben die Mehrzahl der Waffenlager und Raketenabschussvorrichtungen bereits aus der Luft zerstört wurden?

Vorbereitung auf langen Konflikt

In Gaza bereitet sich die Bevölkerung jedenfalls auf einen langen Konflikt vor. Supermärkte berichten von Hamsterkäufen, auf den Straßen sind immer wieder Kleinbusse oder Eselkarren zu sehen, auf denen flüchtende Familien ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen versuchen. Doch das ist in dem zehn Kilometer breiten und 40 Kilometer langen Streifen fast unmöglich. Niemand weiß, was als nächstes zum Ziel der Angriffe wird.

„Stadt der Engel“ heißt Kirijat Malachi auf deutsch und es gibt eine ganz prosaische Erklärung für den hochtrabenden Namen: Als aus dem ehemaligen Durchgangslager für Neueinwanderer vor mehr als 50 Jahren eine Stadt werden sollte, spendeten die Juden einer anderen Engelsstadt, Los Angeles, großzügig einige Dollar. Kirijat Malachi ist ein ärmlicher Fleck, das Durchschnittseinkommen liegt knapp unter 1000 Euro, die Arbeitslosenquote ist weit höher als im nationalen Durchschnitt, und das 20.000-Einwohner-Städtchen 0hat eine der höchsten Einbruchsraten des Landes. Der Bürgermeister wird der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung angeklagt, ein anderer ehemaliger Bürgermeister und Staatspräsident – Mosche Katzav – sitzt derzeit aus denselben Gründen im Gefängnis. Und dann auch noch die Raketen: Mehrmals täglich schrillen hier die Sirenen.

Dutzende Pressevertreter, Soldaten und Schaulustige drängen sich wenig später in der Baal-Schem-Tov-Straße die noch heruntergekommener ausschaut als der Rest des Ortes. Im fünften Stock klafft ein riesiges Loch wo zuvor eine Hälfte der Wohnung war. Die Treppenstufen sind mit Blut befleckt. Die Nachbarn fordern lautstark ein Ende des Raketenbeschuss: Man müsse den Arabern den Garaus machen, fordert einer. Eine orthodoxe Frau will die Wiederbesetzung Gazas: „Sie werden sich daran gewöhnen und sehen, dass es so viel besser ist für alle“, sagt sie. Ein Politiker nach dem anderen macht seine Aufwartung, gleich vier Minister schauen vorbei. Sie sagen alle dasselbe, fordern ein hartes Vorgehen gegen die Hamas bis im Süden Israels absolute Ruhe eingekehrt sei.

Es ist Wahlkampf in Israel und wenn es auch zynisch wäre, der Regierung unterstellen zu wollen, sie hätte die Militäroffensive aus wahltaktischen Gründen begonnen, so wäre es weltfremd, die Auswirkungen zu ignorieren. Die ohnehin geschwächten Linksparteien mussten ihre Hoffnung begraben, den Wahlkampf auf Wirtschaftsfragen zu fokussieren – von den Oppositionsführern ist seit Tagen kaum etwas zu hören. Rechte Politiker hingegen gehen mit markigen Sprüchen auf Stimmenfang und fordern von der Regierung wohlfeile radikale Maßnahmen.

Angriffe gehen weiter

Von einem Hügel wenige Hundert Meter von der Grenzanlage entfernt kann man in den Gazastreifen hineinschauen. Der Himmel ist so blau, dass man die Fluglinien der aus Gaza abgeschossenen Raketen noch eine ganze Weile verfolgen kann. Immer wieder steigen über dem Palästinensergebiet Rauchpilze auf – die israelischen Angriff gehen weiter. In der Ferne machen Militärfahrzeuge ihre Runde, Lastwagen bringen Panzer und schweres Gerät in die Region. Vor wenigen Wochen hatte ein hochrangiger israelischer Offizier hier noch erklärt, die Hamas habe kein Interesse an einer Eskalation.

Jetzt sitzt derselbe Offizier bei einem Kaffee in einem Tankstellenrestaurant unweit des Grenzübergangs Eres und sieht müde aus. „Den Traum von der absoluten Ruhe im Süden träumen nur die Politiker“, sagt er. Bei der Armee sei man realistisch. Auch nach der Offensive „Gegossenes Blei“ habe der Raketenbeschuss nicht vollständig aufgehört, aber die Intensität habe zugenommen. Warum folgte die gezielte Tötung Ahmed Dschabris am Mittwochnachmittag dann ausgerechnet auf den ersten ruhigen Tag, an dem nur zwei Raketen abgefeuert wurden?

Es habe schon Dutzende solcher Waffenstillstände gegeben, sagt der Offizier. Und es werde in Zukunft auch weitere geben. Aber die Hamas nutze jeden kleinen Vorwand, um die Vereinbarung zu brechen. „Wenn sie dann mal zwölf Raketen abfeuern, erwarten sie, das wir still halten. Und das tun wir meistens auch.“ Aber in den vergangenen vier Jahren habe die Intensität dieser „kleinen Ausrutscher“ so zugenommen, dass die Situation für Israel unhaltbar geworden sei. Letztlich gehe es der Hamas um eine schleichende Verschiebung der Grenze dessen, was Israel zu akzeptieren bereit sei. „Meine Kinder wissen gar nicht, was es heißt, ohne Raketen zu leben“, sagt der Offizier, der mit seiner Familie in der Gegend lebt. Das könne er nicht akzeptieren.