Kommentar

Der ganz normale Irrsinn

Clemens Wergin fragt sich, warum die Palästinenser seit 64 Jahren denselben Krieg führen

In Nahost sprechen mal wieder die Waffen. Und wie stets hinterfragt man in Europa die israelische Reaktion. Ist es klug, den Anschlag auf eine Armeepatrouille und mehr als 100 Raketen aus Gaza mit einem Gegenangriff zu beantworten? War es legitim, den militärischen Führer der Hamas zu töten? Dabei ist die naheliegende Frage eigentlich eine, die wir uns längst abgewöhnt haben zu stellen: Warum führen die Palästinenser seit 64 Jahren immer denselben Krieg gegen Israel? Warum verkünden immer neue fanatische Führer die Botschaft vom irgendwann bevorstehenden Endsieg? Und warum verurteilen sie nun schon die dritte Generation von Palästinensern dazu, ihre Lebenschancen der Ideologie zu opfern?

1948, 1967 und 1973 griffen die umliegenden arabischen Staaten Israel an. Seit den 60ern verlegte sich die entstehende palästinensische Nationalbewegung auf den Terrorismus. Zwischendurch versuchte es Jassir Arafats Fatah mit Verhandlungen, um dann 2000 die Terror-Intifada gegen Israel zu entfachen. Nachdem die Fatah und viele palästinensische Bürger heute ein wenig klüger geworden sind, stehen in Gaza die nächsten Extremisten bereit, die ihre Gesellschaft in Geiselhaft nehmen und den ewigen Krieg gegen Israel und die Juden fortsetzen. Dabei hat Israel sich vor sieben Jahren aus Gaza zurückgezogen und den Palästinensern damit die Chance gegeben zu beweisen, dass sie einen eigenen Staat auch in der Westbank verdienen. Statt jedoch ein funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen, haben die lieber 12.000 Geschosse auf Israels Süden gefeuert. Keine Frage, auch die Israelis machten viele Fehler. Sie haben in den vergangenen zwölf Jahren aber immerhin zwei realistische Friedensangebote unterbreitet, die ausgeschlagen wurden.

Das ist das eigentliche Drama in Nahost: die Weigerung immer neuer Führungsgenerationen, die Realitäten anzuerkennen und Israel endlich zu akzeptieren. Vier Jahre nach dem letzten Gaza-Krieg sucht die Hamas nun erneut eine militärische Auseinandersetzung. Sie beschwört abermals die Gefahr herauf, dass Israel eine Bodenoffensive startet, um den Raketenhagel zu stoppen. Und wie üblich bekommt Hamas dafür den Beifall arabischer Medien und Solidaritätserklärungen arabischer Führer. Es ist aber erstaunlich, wie auch die europäische Berichterstattung die Verblendung der Extremisten als Normalzustand akzeptiert. In Wahrheit hat die internationale Gemeinschaft die Verantwortungslosigkeit palästinensischer Führer über Jahrzehnte befördert. Kein Volk in der Geschichte hat pro Kopf mehr Zuwendungen der internationalen Gemeinschaft bekommen. Ein großer Teil Gazas lebt von UN-Hilfen, während die Hamas-Regierung ihr Geld für Raketen ausgibt. Ein perverses System, das wie selbstverständlich hingenommen wird.

Natürlich gibt es inzwischen viele moderate Palästinenser, die ihren Frieden mit Israel machen möchten. Aber andere Meinungen werden in Gaza nicht zugelassen. Es ist höchste Zeit, der palästinensischen Gesellschaft zu helfen, sich von diesen Extremisten und ihrem Todeskult zu befreien.