Militär

„Sie hätten uns lieber noch länger hier“

Im Bundestag zeichnet sich eine Mehrheit für das vorletzte Bundeswehrmandat ab. Doch der Plan für den Rückzug steht

Der Gouverneur weiß, was seine Besucher mögen. Statt des landesüblichen Tees lässt Mahbubullah Saidi, der 29 Jahre junge Verwaltungschef des Distrikts Aliabad in Kundus, Afghanistan, den deutschen Soldaten in seinem Büro Cola und Energiedrinks servieren. Betont selbstbewusst macht der Tadschike es sich auf seinem Ledersessel bequem, schlägt die Beine übereinander, breitet die Arme weit über die Lehne aus und beginnt seinen Vortrag. Schnell wird klar: Er weiß auch, was die Soldaten hören wollen.

„Ich komme von einer Dschirga, deswegen sehe ich so aus“, sagt er mit einer Geste auf sein langes, hellblaues Hemd und die weite Hose. Sonst pflegt er bei den Gesprächen mit dem deutschen Oberstleutnant Andreas Kühne und seinem Team Anzug zu tragen. Heute aber war er in seinem Distrikt unterwegs. „Gute Regierungsführung kommt nicht von ungefähr“, sagt Saidi, dafür müsse man hart arbeiten. „Ich habe versucht, die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen.“

Nach diesem Vorspiel führt er Kühne in einen Nebenraum. Dort sind ein Dutzend Männer mit weißen Bärten und Turbanen versammelt. Die Dorfältesten des Distrikts tragen vor, woran es ihnen mangelt. „Wasser für das Vieh“ will der eine, „Strom für unsere Häuser“ ein anderer. Und: „Nicht nur so kleine Sachen.“ Kühne nickt: „Verstehe.“ Er werde das an die Kollegen im PRT weiterleiten, dem regionalen Wiederaufbauteam.

Das wird seit diesem Donnerstag nicht mehr von der Bundeswehr geleitet, sondern von einem Zivilisten, dem Diplomaten Helmut Landes. Und der ist durchaus gewillt, große Wünsche zu erfüllen. „Wir wollen noch stärker die Grundlagen für ein besseres Leben der Menschen legen“, sagt Landes. „Dazu gehört es, Straßen, Krankenhäuser, Universitäten, Berufsschulen aufzubauen.“ Im Jahr 2011 wurden in der Provinz Kundus bereits sieben Schulen eröffnet, sechs weitere sind im Bau, fünf in der Planung. Auch Gouverneur Saidi wird davon profitieren.

Ein bisschen verunsichert

Der junge Mann kann also zufrieden sein. Aber ein Anliegen hat er noch, und als er es vorträgt, klingt er nicht mehr ganz so selbstbewusst. Er sei „ein bisschen verunsichert“, was die Zeit nach 2014 angehe. „Unsere eigenen Sicherheitskräfte sind noch nicht so gut ausgebildet und ausgerüstet.“ Aber erst wenn die Sicherheit gewährleistet sei, könne der Wiederaufbau erfolgen. „Sicherheit ist wichtiger als Essen“, sagt Saidi, „ein voller Magen hilft einem nicht, wenn Krieg ist.“ Bis vor zwei Jahren seien die meisten Dörfer seines Distrikts noch in Taliban-Hand gewesen, erst die Internationale Schutztruppe (Isaf) habe sie befreit. Von der afghanischen Armee oder Polizei spricht er nicht. Hinter vorgehaltener Hand sagen auch viele westliche Militärexperten, die einheimischen Sicherheitskräfte müsse man immer noch „zum Jagen tragen“.

Doch so viel steht fest: Den Wunsch nach westlichem Schutz über 2014 hinaus wird dem Gouverneur Saidi niemand erfüllen. Der Abzugsplan der Nato steht, auch die Bundeswehr ist längst bei der Organisation des Rückzugs. Am Mittwoch verkündeten Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) den „vorletzten Schritt auf dem Weg zum Ende des Isaf-Mandats“. Bis Anfang 2014 soll die Truppe von derzeit 4760 auf 3300 Soldaten verkleinert werden. Ende 2014 soll der Nato-Kampfeinsatz dann beendet sein und von einer neuen Mission abgelöst werden, die sich mit „deutlich geringerem Personaleinsatz ausschließlich auf Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte“ konzentriert, wie es in einem Brief der beiden Minister an die Abgeordneten von Union und FDP im Bundestag heißt.

Nicht grenzenlose Zuversicht

Im Parlament zeichnet sich Zustimmung für diese Pläne der Regierung ab, nicht nur in den Regierungsfraktionen. Auch die SPD signalisierte Zufriedenheit mit dem Mandatsentwurf. Die Grünen hätten gern mehr Klarheit darüber, wie es 2015 weitergeht, und sie würden die Soldaten gern noch schneller abziehen. Für eine Mehrheit wird es jedenfalls reichen. Offen ist nur, wie es weitergehen soll, wenn sich die „begründete, aber nicht grenzenlose Zuversicht“ (de Maizière) der Regierung einer „sich 2013 weiter positiv entwickelnden Sicherheitslage im Regionalkommando Nord“ nicht erfüllt. Im Mandatstext heißt es dazu: „Die Reduzierung erfolgt wie bisher unter der Voraussetzung, dass die Lage dies erlaubt, und ohne unsere Truppen oder die Nachhaltigkeit des Übergabeprozesses zu gefährden.“ Was das im Ernstfall bedeuten könnte, darüber mag niemand spekulieren, zu sehr hat man sich in allen politischen Lagern auf den Abzug festgelegt. Nicht nur in Deutschland übrigens, auch international. Irgendwie werden es die Afghanen also selbst richten müssen. „Hier wissen alle, dass wir gehen“, sagt Oberstleutnant Kühne nach seinem Besuch beim Gouverneur in Kundus. „Und natürlich hätten sie uns lieber noch länger hier.“ Aber die Afghanen müssten die militärischen Dinge künftig eben allein erledigen, auch wenn es vorher bequemer gewesen sei. Der Bundeswehr bleibe nur noch eines: „Man muss sie eben ein bisschen aufs Pferd setzen.“ Und hoffen, dass sie nicht herunterfallen.