Unglück bei Smolensk

Rätselhafter Absturz im Nebel

Die Debatte über das Unglück bei Smolensk spaltet Polen wie nie zuvor. Gab es ein russisches Interesse am Tod des Präsidenten?

Es gibt keinen Frieden über den Gräbern von Smolensk. Vor zwei Wochen hatte die Zeitung „Rzeczpospolita“ über vermeintliche Sprengstoffspuren am Wrack der abgestürzten Präsidentenmaschine berichtet. Seitdem wachsen in Polen die Zweifel, ob die polnischen Behörden – zwangsläufig in Zusammenarbeit mit den russischen – bei der Aufklärung des Flugzeugunglücks vom April 2010 in Russland auf dem richtigen Weg sind.

Damals stürzte die polnische Tupolew TU-154M beim Anflug auf Smolensk in dichtem Nebel ab. Präsident Lech Kaczynski, die Führung der Streitkräfte, hochrangige Geistliche, Politiker und Spitzenbeamte, insgesamt 96 Menschen, starben. Sie waren auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Katyn. Die erste Untersuchung ergab keine Hinweise auf einen Anschlag oder Brand. Die Maschine, hieß es, habe 1050 Meter vor der Landebahn die Bäume berührt und sei dann in der Folge abgestürzt. Das ist bisher die offizielle Version.

Der Sprengstofftext jedenfalls hatte es in sich. Der forsche Breitbandunternehmer Grzegorz Hajdarowicz, seit Kurzem auch Zeitungsverleger, hat der Redaktion einen Kahlschlag verordnet: Entlassen wurden Chefredakteur Tomasz Wróblewski, sein Stellvertreter, der die fragliche Zeit im Urlaub war, und Cezary Gmyz, der Autor des Berichts. Dabei wusste der Verleger vorab von der Veröffentlichung und stimmte Medienberichten zufolge zu. Jetzt kursieren Schuldzuweisungen: Wer hat wen hinters Licht geführt? Unstrittig ist nur, dass der Verleger in der Nacht vor der Veröffentlichung gegen halb zwei Uhr vor dem Haus von Regierungssprecher Pawel Gras aufkreuzte, um ihn über den brisanten Bericht zu informieren.

Die Zeitung hatte aus einer Untersuchung zitiert, wonach an Teilen des abgestürzten Flugzeugs Spuren von Sprengstoff entdeckt worden sein sollen. Es waren Hinweise auf Elemente, wie sie unter anderem in Sprengstoffen enthalten sind, was die Zeitung als klaren Beweis für Sprengstoff darstellte. Mehr als nach den Fehlleistungen einer Zeitung fragen viele Polen jedoch nach den Fehlleistungen des Staats. Immer mehr Bürger vermuten, die Regierungen in Warschau und Moskau verteidigten gemeinsam eine Version des Absturzes, die an zahlreichen Punkten fragwürdig wirkt. Umfragen zufolge glaubt nur noch eine Minderheit der Polen an einen Anschlag. Dennoch: 63 Prozent – dazu prominente Politiker – fordern eine internationale Untersuchung. Sie glauben nicht, dass der polnische Staat alleine mit der Sache fertig wird.

Falsch identifizierte Leichen

Jetzt meldet sich, erstmals seit dem Sprengstoff-Text, Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet zu Wort. Seremet ist wichtig, weil die Staatsanwaltschaft nach Abschluss aller Ermittlungen Anklage erheben müsste – gegen die toten Piloten, vielleicht auch gegen noch lebende mutmaßliche Schuldige. Gleiches gilt – zumindest theoretisch – auch für die Staatsanwaltschaft in Russland. Allerdings wird immer noch ermittelt. Dem Wochenmagazin „Wprost“ gesteht Seremet, dass auch ihn die Dauer der Ermittlungen in beiden Ländern „irritiert“.

Zudem kommen auch immer mehr Zweifel an der Identität der beerdigten Leichen auf. Durften polnische Angehörige und Fachleute in den Tagen nach dem Unglück die nach Moskau gebrachten Leichen selbst identifizieren? Ja, antwortete die heutige Parlamentspräsidentin Ewa Kopacz, die selbst dabei war. Es sei alles korrekt abgelaufen. Inzwischen sind mehrere Leichen exhumiert worden, manche der Toten wurden falsch identifiziert, es gab neue Trauerfeiern, neue Beerdigungen am richtigen Ort. Kopacz entschuldigte sich für ihren Optimismus von damals. Seremet sagt jetzt, es werde noch in diesem Jahr zwei weitere Exhumierungen geben. Gibt es weitere Fehler?

Jetzt also die Frage nach einer Explosion und nach einem Anschlag auf Präsident Kaczynski. Kaum lag die Zeitung mit dem Sprengstoff-Text an den Kiosken, kam im Parlament die Untersuchungsgruppe der Kaczynski-Partei PiS zusammen. Ihr Chef ist der Abgeordnete Antoni Macierewicz, seit den 70er-Jahren Bürgerrechtler. Die Kommunisten hatten seinen Vater in den Selbstmord getrieben, er wuchs als Halbwaise auf; es scheint sein Lebensziel zu sein, alte Geheimdienstseilschaften offenzulegen. Macierewicz sagte also im Brustton der Überzeugung, „dass jetzt die Smolensk-Lüge in sich zusammenfällt“. Von ihm beauftragte Experten hatten schon länger argumentiert, der Zustand des Flugzeugs nach dem Absturz deute auf Explosionen hin.

Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski – er stand auf der Smolensk-Passagierliste, ließ seinen Bruder Lech jedoch allein fliegen – ist sich jetzt sicher: Es war „Mord“. Im neuen Magazin „Uwazam Rze“ legt er nach: „Wir haben immer mehr Beweise, immer mehr Gutachten von Wissenschaftlern, wonach es noch in der Luft zwei Explosionen gab.“ Zusätzlich zu den Quellen der Zeitung habe eine in den USA angefertigte „unabhängige Untersuchung“ von Kleidung und Sicherheitsgurt eines der Absturzopfer ebenfalls „Spuren eines Sprengstoffs“ ermittelt. Wer hier – wie die polnische Regierung – etwas „vertuscht“, der müsse sofort zurücktreten. Nur eine Frage ließ Kaczynski bisher offen: Wer hinter dem Anschlag stecken könne. „Ich sage ja nicht, dass die Regierung das gemacht hat“, heißt es in seinem Interview. Es könnten Ex-Geheimdienst-Seilschaften in Polen sein. Außerdem gebe es „auf dem ganzen Gebiet des ehemaligen Imperiums“ – des sowjetischen Einflussbereichs – viele, denen Kaczynski ein Dorn im Auge gewesen sei.

Provokanter Kaczynski

Also Russland? Diese Frage wird in Polen nie offen diskutiert. Tatsache ist freilich, dass Lech Kaczynski, damals in der EU der schärfste Kritiker der Außenpolitik Wladimir Putins, aus Sicht Moskaus eine rote Linie überschritten hatte, als er 2008 Solidarität mit Georgien bekundete und nach Tiflis reiste, während russische Panzer vorrückten.

Gab es also Kräfte in Russland, die einen Anschlag planten oder – durch riskante Anweisungen an die zwei Fluglotsen im Kontrollturm von Smolensk – das Flugzeug in Turbulenzen bringen wollten? Die Moskauer Journalistin Mascha Gessen, Autorin einer kritischen Putin-Biografie, antwortete auf diese Frage kürzlich so: „Putin ist so zynisch, dass er Kaczynski hätte töten können. Aber er hatte kein Motiv. Aus Putins Sicht existiert Polen eigentlich nicht. Das ist für ihn ein kleines, störendes Land, das ständig an (das sowjetische Massaker von) Katyn erinnert, anstatt die Sache zu vergessen.“