USA

Die neue Macht der Frauen

Die US-Wahlen haben mehr Politikerinnen in wichtige Ämter gebracht als je zuvor – bei den Demokraten. Die Republikaner haben ein Problem

Ein „Ladies’ man“ hat die US-Präsidentschaft gewonnen: ein Mann, der vaterlos aufwuchs und sein Wohlergehen, seine Ausbildung, seine politische Karriere starken Frauen verdankt. Barack Obama siegte auch deshalb, weil 18 Prozent mehr Frauen für ihn stimmten als für Mitt Romney. Und weil die Wählerinnen gerade dabei waren, sandten sie mehr Frauen in beide Kammern des Kongresses als je zuvor.

20 Senatorinnen werden ihren männlichen Kollegen Manieren beizubringen versuchen, bisher waren es 18, es ist kein Gerücht, dass Sitzungen und Verhandlungen ziviler verlaufen, wenn Frauen mitreden. Im Repräsentantenhaus (435 Sitze) erhöhte sich die Zahl der Frauen von 73 auf 77. Der Triumph der Politikerinnen ist bitter nötig. Bis zum Dienstag rangierten die USA in der Weltrangliste weiblicher Abgeordneter in nationalen Parlamenten auf Platz 78 – hinter Turkmenistan.

Der Durchbruch im Senat gelang nicht paritätisch. Künftig stehen 16 Demokratinnen vier Republikanerinnen gegenüber. Nimmt man Frauen – die Mehrheit der Amerikaner wie der Wähler – und Minderheiten wie Latinos und Schwarze zusammen, sind in der Fraktion der Demokraten weiße Männer zum ersten Mal in der US-Parlamentsgeschichte in der Minderheit. Es sage niemand, das bedeute nichts.

Vor 20 Jahren, als mit Bill Clinton mehr Frauen als je zuvor in den Kongress gingen, wurden sechs Frauen im Senat als grandioser Sieg gefeiert: Der Schwung des „Year of the woman“, des Jahrs der Frau, verlor sich rasch, gegen Ende der 90er-Jahre stagnierte die Zahl der Frauen im Kongress. Kandidatinnen hatten es schwerer, von den Medien ernst genommen und fair behandelt zu werden, als Männer.

Sexistische Unarten, die bis heute vorkommen: Man kritisiert ihre Frisuren, benotet Teint, Schmuck und Kleidung, moralisiert über ihr Familienleben. Haben sie Kinder, liegt der Verdacht der Vernachlässigung in der Luft, haben sie keine, gelten sie als elitär, kalt, hart, unweiblich. Eine Karikatur in der „Washington Post“ brachte die Bigotterie gegen arbeitende Frauen auf den Punkt: „Ich habe einen Job mit Niedrigstlohn, ich habe kleine Kinder, alternde Eltern und einen Ehemann, der entlassen wurde: Wer behauptet da noch, Frauen könnten nicht alles haben?“ Noch gelten solche Vorurteile in vielen Köpfen. Aber die Wahlen haben bewiesen, dass es weniger werden.

Frauen brachen noch mehr Rekorde und schufen Erstmaligkeiten: New Hampshire ist der erste (und einzige) Staat, der eine Gouverneurin wählte und ausschließlich Frauen nach Washington entsendet: zwei Senatorinnen und zwei Abgeordnete. Drei Staaten wählten erstmals seit ihrem Bestehen Frauen in den Senat: Massachusetts (Elisabeth Warren), Hawaii (Mazie Hirono) und Wisconsin (Tammy Baldwin), alle drei Demokraten. Hirono ist die erste Amerikanerin asiatischer Abstammung im Senat. Baldwin bekennt als erste Senatorin, Frauen zu lieben. Im Repräsentantenhaus ist der Männerklüngel zäher: Nur 26 der 50 US-Bundesstaaten hatten vor der Wahl Frauen ins US-Unterhaus geschickt; aus Delaware, Iowa, Mississippi und Vermont hat es noch nie eine Frau nach Washington geschafft.

Notorische Frauenhasser wie der Radiomoderator Rush Limbaugh und etliche Republikaner, die Frauen über Vergewaltigung, Gott und ihre Körper belehrten, hatten entscheidenden Anteil an der Jetzt-erst-recht-Damenwahl. Ihr anmaßender, von vielen Frauen (wie von ihren Männern) als beleidigend empfundener „Krieg gegen Abtreibung“ erzwang Solidarität selbst konservativer Frauen. Und eine Gegenoffensive. „Senatorinnen der Demokraten bildeten die erste Verteidigungslinie gegen den ‚Krieg wider die Frauen‘“, sagt Stephanie Schriock, Präsidentin der linksliberalen Frauenorganisation Emily’s List. Deshalb habe jede der Demokratinnen gesiegt. Mindestens ein Republikaner, Al Cardenas von der American Conservative Union, hat es öffentlich eingestanden: „Wir sind (als Partei) zu alt, zu weiß, zu männlich.“

Kauf eines Senatssitzes gescheitert

Nicht dass es keine erfolgreichen Frauen bei den Republikanern gäbe, vor allem Gouverneurinnen. Jan Brewer führt Arizona so erzkonservativ und hart gegen Ausländer, dass sie zum Idol des rechten Flügels aufstieg. Sarah Palin, obgleich eher privatisierend und Geld scheffelnd mit Büchern, ist noch immer Vorbild für viele Republikanerinnen. Linda McMahon, ehemalige Präsidentin des Profi-Catcher-Verbandes, allerdings scheiterte zum zweiten Mal bei dem Versuch, einen Senatssitz in Connecticut regelrecht zu erkaufen: mit 100 Millionen Dollar ihres Vermögens.

Kirsten Gillibrand, demokratische Senatorin aus New York, rühmt „bessere Debatten und bessere Ergebnisse“, je mehr Frauen mitwirken. Obama, der im Kreise seiner Frau Michelle und den Töchtern Malia und Sasha offenkundig glücklich ist, weiß es: „Ist es möglich, dass der Kongress mehr zustande brächte, wenn mehr Frauen dort wären? Ich glaube, man kann sagen: Das wäre fast garantiert.“

Jetzt wird auch eine Frau genannt, wenn es um den wichtigen Posten des US-Finanzministers geht: Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin beim sozialen Netzwerk Facebook und Nummer zwei nach Gründer Mark Zuckerberg. Die Chancen stehen allerdings nicht gut: Favorit ist Jacob „Jack“ Lew, Stabschef im Weißen Haus und zuvor Budgetchef Obamas. Er gilt als absoluter Haushaltsfachmann.