Hurrikan-Wahl

„Zusammenstehen, niemanden zurücklassen“

„Sandy“ wirbelt US-Wahlkampf durcheinander. Umfragen in Swing-Staaten Colorado und Iowa zeigen leichten Aufwärtstrend für Obama

Wäre das Elend an der Küste New Jerseys nicht so groß, die Begrüßungsszene von Barack Obama und Chris Christie ließe sich als Laurel-and-Hardy-Hommage entschlüsseln: Der Handschlag des schlacksigen Präsidenten samt Schulterschlag für den fettleibigen Gouverneur vor der Air Force One markierte den Beginn einer von „Sandy“ gestifteten Versöhnung zwischen Männern, die Tage zuvor politisch verfeindet gewesen waren. Statt fliegender Sahnetorten, wie sie im slapstickartig beleidigenden Wahlkampf gängig sind, gab es artig ausgetauschte Komplimente und Gelöbnisse der Zusammenarbeit zum Wohl der geschundenen Bürger. Es schien so einfach, so wohltuend – so richtig.

Züge eines Wunders

„Ich kann dem Präsidenten nicht genug danken für seine persönliche Sorge und sein Mitgefühl für unseren Staat“, sagte der 50 Jahre alte Christie bei einer knappen Pressekonferenz vor einem Notaufnahmelager. Sie hätten ein „großartiges Arbeitsverhältnis“, fügte er hinzu, bevor es ihm eine „Ehre“ war, das Mikrofon an Obama zu übergeben. „Ihr Gouverneur steht auf meiner Dankesliste ganz oben“, erwiderte der Präsident. „Sie sollen wissen, dass er Überstunden für Sie leistet.“ Sechsmal hätten die beiden seit dem Wochenende konferiert, fünfmal am Telefon, sagte Christie stolz, am Donnerstag im Hubschrauber und im Wagen; Obama nickte. „Wir sehen uns harten Zeiten gegenüber. Aber wir kommen wieder auf die Beine, weil wir zusammenstehen und niemanden zurücklassen“, sagte Obama. Christie nickte hinter seiner rechten Schulter. Die Szenen dieser Einigkeit, sechs Tage vor dem Ende eines bitteren, oft gehässigen Wahlkampfs, der das Land spaltete und sechs Milliarden Dollar verschlang, hat Züge eines Wunders.

Bis zum Montag war New Jerseys Gouverneur Mitt Romneys schärfster und loyalster Angreifer gewesen. Beim Parteitag in Tampa hielt Christie die Hauptrede, die allerdings verblüffte, als sie den Namen Romney erst nach 15 Minuten erstmals erwähnte und mit Dutzenden von Ich-Anekdoten eher nach einer Bewerbung für die Wahlen 2016 klang. Noch vor zehn Tagen spottete Christie an der Seite Romneys über den Präsidenten, der blind durchs Weiße Haus laufe und nach Erleuchtung suche: „Wie ein Mann, der mit ausgestreckten Armen im Dunkel eines Zimmers nach dem Lichtschalter (für Führungsstärke) sucht und ihn nicht findet.“

Christie gibt den furchtlosen Populisten, der sagt, wie es ist. Zu seinen Standardrügen zählt das korrupte, verschwendungssüchtige Washington unter dem Sozialisten Obama, der die Stimmen von Bedürftigen mit Gaben des Bundes kauft. Auch in diesen Tagen war Christie gebucht, als Mitt Romneys bestes zweites Ich die unfrohe Botschaft zu verkünden. Dann kam „Sandy“, und der Gouverneur erlebte seine Wandlung zum dankbaren Empfänger von Nothilfe: Aus dem (gegen den Widerstand und Protest der Kongress-Republikaner) mit acht Milliarden Dollar gefüllten Notstandstopf der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe (Fema).

Während die Bewohner der verwüsteten Küste von New Jersey die Vernunft Obamas und Christies und alle Hilfe, die sie bekommen können, zu schätzen wissen, hält sich die Freude im Team Romney in Grenzen. Es ist schwer, neben einem Präsidenten, zu dessen Stärken Coolness und gewähltes Amerikanisch zählen, als Herausforderer zu bestehen. Zwei Tage lang setzte der Republikaner seinen Wahlkampf aus Respekt vor den Opfern des Supersturms aus. Am Mittwoch sammelte er bei einer Kundgebung in Dayton (Ohio) Dosennahrung für das Rote Kreuz; gut gemeinte Aktion, die jedoch das American Red Cross ausdrücklich zu unterlassen bittet: Man braucht Geld- , nicht Sachspenden. Ein Reporter von „Buzzwire“ berichtete, das Team Romneys hätte in einem Walmart selbst für 5000 Dollar eingekauft und die Waren Leuten in die Hand gedrückt, die sie dann vor den Kameras Mitt Romney überreichten.

Während Präsident Obama in der Krise mit all seiner Macht leicht gute Figur machen kann, während Chris Christie das Elend seiner Bürger und seine Wiederwahl in einem Jahr im Auge hat, nicht die Wahl am nächsten Dienstag, mag Mitt Romney sich fragen, ob „Sandy“ für ihn bedeutet, was 2008 der Lehman-Crash für John McCain bedeutete: Den Anfang vom Ende, die Niederlage durch höhere Gewalt. Schon meldete eine Erhebung von „Washington Post“ und ABC News, dass acht von zehn Befragten Obamas Reaktion auf die Krise als „gut“ oder „exzellent“ bewerten. Umfragen in den Swing-Staaten Colorado und Iowa zeigen einen leichten Aufwärtstrend für den Präsidenten; in Ohio, dem vielleicht wichtigsten der elf offenen Swing-Staaten, führte er in der jüngsten Umfrage wieder mit fünf Punkten.

Romney umarmt die Fema

Inzwischen liegt der Fokus der Demokraten immer mehr darauf, die Anhänger dazu zu bringen, auch tatsächlich zur Wahl zu gehen. Entsprechend brachen von Obamas Wahlkampfbüro in Chicago immer mehr Mitarbeiter auf, um in den besonders umkämpften Staaten Wähler zu mobilisieren. Das alles bedeutet noch keine Entscheidung, die Wahl wird knapp ausgehen, darin sind sich alle einig. Aber der Vorwärtsdrang Romneys scheint gestoppt.

Umso heftiger stürzte sich der Republikaner in Florida nach der Schamfrist wieder in den Kampf. Zwar nannte Romney selbst den Präsidenten nicht beim Namen und griff ihn nicht direkt an. Das überließ er seinen Vorrednern, namentlich Jeb Bush, dem früheren Gouverneur Floridas: „Obamas ganze Strategie ist, andere zu beschuldigen“, rief Jeb Bush aus, „natürlich zuerst meinen Bruder. Aber im Grunde macht er alles und jeden verantwortlich, statt den Anstand zu haben, sich um Gemeinsamkeit zu bemühen.“ Romney nutzte den Auftritt, um sein Verhältnis zur Fema zu erläutern. Er erkenne die „Schlüsselrolle“ an, die der Behörde für Katastrophenhilfe zukomme, und „als Präsident werde ich sicherstellen, dass sie die Mittel hat, ihre Mission zu erfüllen.“ Die Klarstellung war nötig: bei einer der Fernsehdebatten hatte der Herausforderer noch darauf gedrungen, den Katastrophenschutz an die Staaten zu übergeben oder „am besten an die Privatwirtschaft“. Kommende Generationen mit den Schulden für die Verschwendung des Bundes zu belasten, sei unverantwortlich, so Romney. Es steht mittlerweile aber jedermann vor Augen, dass New Jersey weder das Gerät noch das Geld hätte, sich zu helfen. Also umarmt Mitt Romney nun die Fema.

In New Jersey kann er damit allerdings wenig Eindruck machen: „Wenn Sie glauben, ich gäbe in dieser Zeit einen Pfifferling auf den Präsidentschaftswahlkampf, kennen Sie mich schlecht!“, schnaubte Chris Christie auf die Frage, ob er vor der Wahl auch Mitt Romney im Krisengebiet von New Jersey erwarte. Das klingt nach einem „Nein“.