Asylpolitik

Nach Erdogan-Besuch: Die plötzliche Macht der Türkei

Türkische Medien berichten lieber über Hungerstreik

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Deutschland besucht und dort die weltweit größte Botschaft seines Landes eingeweiht. Die deutschen Medien begleiteten es mit einer Berichterstattung, die wohl mehr als jemals zuvor einhellig die neue Macht und Bedeutung der Türkei in den Blickpunkt rückte.

Nicht so die türkischen Medien. Warum auch? Dass der Türkei seit einer Reihe von Jahren politisch und wirtschaftlich mächtige Schwingen gewachsen sind, daran ist nichts neu; englische und amerikanische Medien beispielsweise haben das seit mindestens drei Jahren erkannt und berichten entsprechend. Türkischen Beobachtern mag die plötzliche Einsicht der deutschen Medien als ein Fall bemerkenswerten Spätzündertums vorkommen.

Sie berichteten vielmehr über das, was Erdogan mit der neuen Macht der Türkei tat, nämlich, sie anzuwenden, um Druck auf Deutschland auszuüben und die Interessen der Türkei zu fördern. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete genüsslich, wie Erdogan – neben Merkel auf der Pressekonferenz – bekannt gab, die Kanzlerin habe ihm versprochen, mehr gegen die PKK zu unternehmen. Nun sei auch der Rest der EU an der Reihe. „Erdogan erhöht Druck auf EU gegen PKK“, titelte das Blatt.

Vor allem aber schrieben die meisten türkischen Blätter über etwas, was den deutschen Medien weitgehend entgangen war. Er hatte nämlich in Berlin behauptet, es gebe in den Gefängnissen der Türkei „keinen Hungerstreik, sondern eine Show“. Derzeit sind Hunderte kurdische Häftlinge, die sich als „politische Gefangene“ betrachten, im Hungerstreik. Doch während Erdogan in Berlin von einer „Show“ sprach und sogar angab, nur ein einziger Häftling sei wirklich ernsthaft im Hungerstreik, war die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg in Ankara und erkundigte sich bei ihrem türkischen Amtskollegen Sadullah Ergin über den tatsächlichen Stand der Dinge. Der gab ihr die Auskunft, gegenwärtig verweigerten 683 Häftlinge die Nahrungsaufnahme.

Deutsche Medien waren beeindruckt gewesen von Erdogans Ausspruch, Türken in Deutschland sollten Kant, Hegel und Goethe lesen, und setzten diesen Satz in Kontrast zu seinem Aufruf ein paar Jahre davor, Türken sollten zuerst Türkisch, erst danach Deutsch lernen. Tatsächlich war die Formulierung diesmal eleganter, in der Substanz hatte sich aber nicht viel geändert.

Kolumnist Taha Akyol hielt das Gesagte für seine Leser in „Hürriyet“ fest. Erdogan habe seine Landsleute aufgefordert, „die Werke von Fuzuli, Mehmet Akif (Ersoy), Yahya Kemal (Beyatli) und Necip Fazil (Kisakürek) zu lesen. Die Liste ist aufschlussreich: Der letztgenannte Autor vertrat die Idee eines „großen islamischen Ostens“, Ersoy schrieb die Nationalhymne, Beyatli feierte in seinen Werken die türkische Nation als eine Essenz aus Schweiß und Tränen. Erst in der zweiten Hälfte seines Satzes, so Taha Akyol, forderte Erdogan die Türken auf, auch die Werke von Hegel, Kant und Goethe zu lesen.

In der Substanz aber war es keine Abweichung von Erdogans früherem Standpunkt, Deutschlands Türken sollten sich integrieren, aber nie assimilieren. Unter Integration verstand er weiterhin, die deutsche Sprache zu lernen, und den beruflichen Erfolg zu suchen. „Deutschland erwartet von euch, dass ihr erfolgreich seid“, zitierte ihn Taha Akyol. Der neue Akzent in Edogans Worten lag darin, dass er seine Landsleute aufforderte, in Sachen Bildung und Erfolg „die Besten“ zu sein, nicht nur pro forma Deutsch zu lernen.