Kim-Dynastie

Der aberwitzig teure Personenkult in Nordkorea

Keiner soll den Führer Nordkoreas vergessen – da spielt der Preis keine Rolle. Über die Armut der Bevölkerung sieht die Kim-Dynastie hinweg

Für 40 Millionen Dollar könnte man die gesamte Bevölkerung Nordkoreas 13 Tage lang mit Mais ernähren. Doch das Regime in Pjöngjang zieht es offenbar vor, das Geld für den Personenkult rund um den verstorbenen „geliebten Führer“ Kim Jong-il auszugeben.

Seit der im vergangenen Dezember an Herzversagen verschied, wurden Unmengen von Statuen errichtet, Anstecknadeln produziert und Denkmäler aktualisiert. Und es ist noch lange nicht vorbei damit: Die südkoreanische Tageszeitung „Chosun Ilbo“ rechnet damit, dass die Summe noch weiter ansteigen wird.

„Unser geliebter Führer“

Die Zeitung beruft sich auf eine anonyme Quelle aus dem abgeschotteten Land. Demnach hat die nordkoreanische Regierung nach Kim Jong-ils Tod damit begonnen, die über 3000 „Türme des Ewigen Lebens“ zu reparieren, die sich an sämtlichen großen Straßenkreuzungen überall in dem verarmten Land finden. Steinmetze änderten die Inschriften offenbar von „Unser großartiger Führer Kim Il-sung ist für immer bei uns“ in „Unser großartiger Führer Kim Il-sung und der geliebte Führer Kim Jong-il sind für immer bei uns“.

Der Turm aus dickem Granit in der Kumsong Street in Pjöngjang allein ist über 92 Meter hoch. Alle Steinplatten mit den Inschriften zu entfernen und auszutauschen kostet, so die Quelle, umgerechnet allein schon 25 Millionen Dollar. Aber das ist ja noch nicht alles: Eine 23 Meter hohe Statue von Kim Jong-il, die Mitte April errichtet wurde, soll auch um die zehn Millionen Dollar gekostet haben. Gleichzeitig wurde offenbar die Statue des Staatsgründers Kim Il-sung vor dem Großmonument Mansudae in Pjöngjang modernisiert: Der wie ein Gott verehrte Landesvater trägt nun einen Anzug, keine Parteiuniform mehr, und die staatlichen Bildhauer haben ihm außerdem eine Brille verpasst. Angeblich, so ein Beamter des Wiedervereinigungsministeriums in Südkorea, soll damit der Altersunterschied zwischen Vater und Sohn hervorgehoben werden.

Ähnliche Verschönerungsaktionen werden offenbar im ganzen Land durchgeführt. Es gibt dort rund 80 Riesenstatuen und über 20.000 kleinere Skulpturen der beiden toten Staatsführer. Dazu werden auf Geheiß der Arbeiterpartei landesweit Wandmosaike mit den Konterfeis der beiden geschaffen. Auch für die Einbalsamierung der Leiche Kim Jong-ils ließ sein Nachfolger und Sohn Kim Jong-un tief in den Staatssäckel greifen: Besonders ausgebildete russische Einbalsamierer wurden eigens eingeflogen, ein spezieller Glassarg wurde importiert, das alles für eine Million Dollar.

Aber auch damit ist es noch nicht getan: Der präparierte Körper muss alle zwei Wochen aus dem Sarg gehoben und mit antiseptischen Mitteln behandelt werden, damit er nicht verfällt und schön ansehnlich bleibt. Diese Instandhaltung kostet um zweieinhalb Millionen Dollar pro Jahr.

Der respektvolle Sohn ließ darüber hinaus den Kumsusan-Palast renovieren, wo sein Vater und Großvater aufgebahrt liegen: Ein neuer Marmorboden wurde verlegt und frisches Gras auf dem Vorplatz gepflanzt, das alles für 4,5 Millionen Dollar. Das Beste ist Kim Jong-un gerade gut genug für seine verblichenen Vorväter. Er selbst profitiert schließlich von dem Personenkult in dieser einzigen kommunistischen Familien-Dynastie der Welt. Schon jetzt hat er auch einen überschwänglichen Beinamen: Er gilt in Nordkorea als „Genie der Genies“.

Chronische Lebensmittelknappheit

All diese Ausgaben muten bizarr an, ist doch die Lebensmittelknappheit im Land bereits chronisch. 2006 wurden gegen Nordkorea Sanktionen verhängt, die 2009 nach Atomwaffen- und Raketentests noch einmal verschärft wurden. Im Gegenzug für eine atomare Abrüstung zugesagte Hilfen aus dem Ausland wurden ausgesetzt. Harsche Wetterbedingungen schmälerten zusätzlich die landwirtschaftliche Produktion. Immerhin wollen die Nordkoreaner über die Aufhebung der Sanktionen verhandeln.

Dieds ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Kim Jong-un die Außenpolitik seines verstorbenen Vaters Kim Jong-il wohl doch fortsetzen will. Nach Provokationen im Jahr 2009, darunter die genannten Atomwaffen- und Raketentests, änderte Nordkorea seine Außenpolitik gegenüber den USA im folgenden Jahr drastisch. Ab Juli 2011 trafen sich nordkoreanische und amerikanische Diplomaten mindestens dreimal, um eine Einigung auszuhandeln – Zugeständnisse Nordkoreas im Atomstreit im Gegenzug für Lebensmittel aus den USA.

Die Nachrichtenagentur AP hatte im Dezember gemeldet, dass eine Vereinbarung kurz bevorstehe, doch dann starb Kim Jong-il, und alle Verhandlungen wurden ausgesetzt. Der missglückte Raketenstart im April dieses Jahres hat Nordkorea noch undurchschaubarer gemacht. Der Test sollte den 100. Geburtstag des „ewigen Führers“ Kim Il-sung illuminieren, die Nachbarn das Fürchten lehren, in Asien und darüber hinaus Erpressungspotenzial schaffen, der Schutzmacht China die Grenzen ihrer Macht vorführen und den Amerikanern – formell besteht noch immer nicht mehr als der Waffenstillstand von 1953 – Respekt einflößen und ihre Flotten auf Abstand halten.

Stattdessen folgte – vor den Augen der Welt, der Führungskader des Regimes und der hungernden Untertanen – die technische, moralische und strategische Demütigung für ein Regime, das dem Militär absoluten Vorrang gibt und dafür Feinde braucht. Aber in die berechtigte Schadenfreude mischt sich neue Besorgnis. Wahrscheinlich wird dem Debakel ein neuer Atomwaffentest folgen.