E-Commerce

Kaufmaschine oder App-Meister?

Nur 199 Euro kostet Amazons neues Tablet FireHD, 329 Euro das iPad mini. Die Morgenpost hat die beiden getestet

Vor knapp einem Jahr überraschte das Online-Kaufhaus Amazon mit dem eigenen Tablet-Computer Kindle zu einem Kampfpreis von 199 Euro. Nun präsentiert Amazon zum gleichen Preis und ebenfalls mit Google Android als Betriebssystem einen leistungsfähigeren Nachfolger, das Fire HD. Seit dem Wochenende in Deutschland verfügbar, ist es dank der Vorbestellungen das meistverkaufte Produkt in dem Online-Kaufhaus. In wenigen Tagen wird Apple die vierte Generation seines iPad präsentieren. Grund genug, die beiden Geräte im Alltag auszuprobieren.

Kindle Fire HD

Der neue Besitzer kann ganz schnell loslegen: Das Gerät ist bereits auf das Kundenkonto des Bestellers konfiguriert, aufgeladen und einsatzbereit – nur das Password für das WLAN wird verlangt. Ohne das geht auch nichts, denn in dieser Preisklasse ist Mobilfunk nicht vorgesehen. Dafür ist der WLAN-Empfang sehr schnell und stabil.

Das dick schwarz umrandete Display wirkt brillant sowie farbechter und weniger blickwinkelabhängig als die Konkurrenz in der Sieben-Zoll-Klasse (17 cm). Die 1280 mal 800 Pixel sind auch deutlich mehr als beim iPad mini (1024 mal 768). Dennoch erweckt der dicke Rahmen den Eindruck, Amazon habe Platz verschenkt und könnte mehr Bildschirm in dasselbe Gehäuse packen.

Nach dem Einschalten und Wegwischen der Werbung für Filme in Amazons Store zeigt das Tablet alle verfügbaren Medieninhalte und die letzten angesurften Webseiten in einer Karrusseldarstellung. Shortcuts führen zu den Inhalten des Besitzers wie Spielen, Apps oder Videos – und zu den bei Amazon gekauften und in dessen Cloud stehenden elektronischen Produkten. Shopping steht ohnehin sehr im Vordergrund: Wer einen Film oder ein Buch anscrollt, dem werden passende Medien von Amazon angezeigt. Der Zugang zu Amazons Warenwelt ist immer nur einen Klick entfernt, zum Teil ist der Erstnutzer sogar irritiert: Was ist schon erworben – und was ist Werbung für mehr?

Damit aber erfüllt das Fire HD voll den ihm vom Hersteller zugewiesenen Zweck: Das Gerät ist vor allem Portal in das Ökosystem des Onlinehändlers, es ist als reines Konsumgerät gebaut. Amazon-Chef Jeff Bezos gibt freimütig zu, dass er mit der Hardware keinen Cent verdient – erst wenn der Kunde kauft, lohnt sich das Geschäft.

Hat der Nutzer das akzeptiert, macht das FireHD viel Freude: Filme laufen flüssig und können per HDMI auch auf dem Fernseher betrachtet werden. Gestreamte Filme sind zudem mit einem Monatsabopreis von knapp sieben Euro für eine Flatrate sehr günstig. Spiele laufen ebenfalls flüssig. Der Ton ist dank Stereo-Lautsprechern an den Seiten der bislang beste aller getesteten Tablets. Der Akku hält allerdings im Film- und Spielbetrieb weniger lang als die versprochenen elf Stunden.

Lesen macht jedoch weniger Freude als auf einem Kindle-E-Reader mit seinem E-Ink-Bildschirm. Der Webbrowser wirkt weniger weit entwickelt und lässt sich weniger eingängig bedienen als Apples Safari oder Googles Chrome. Surfen klappt trotzdem gut, eine echte Domäne der Sieben-Zoll-Tablets ist das ohnehin nicht.

Amazons App-Store ist indes ein echtes Manko für Apple- oder Android-Nutzer, die auf Hunderttausende Apps zugreifen können. Dieses Manko soll sich aber umgehen lassen. Ein Geheimtipp unter Kindle-Fire-Nutzern ist die Webseite www.mexxbooks.de. Sie bietet eine Anleitung zum Nutzen von Googles Appstore mit über 500.000 Angeboten. Es sei jedoch gewarnt: Ob dieser Trick dauerhaft funktioniert und ob das Gerät dabei keinen Schaden nimmt, dafür kann niemand die Verantwortung übernehmen. Auch könnte Amazon bei derart gehackten Geräten Garantieleistungen verweigern.

Apple iPad mini

Apple lässt mit dem iPad mini sein großes Tablet plötzlich klobig erscheinen. Nach einer Woche Test kann es passieren, dass einem das „normale“ iPad schlicht zu schwer und zu klobig wird. Die Mini-Variante passt dagegen in eine Handtasche oder Gesäßtasche – auch wenn sie dort beim Sitzen stört. Tatsächlich sind die Maße die größte Stärke. Es ist nur noch 7,2 Millimeter dick und damit fast ein Viertel dünner als das große iPad. Gegenüber dem Fire HD ist es ein klein wenig länger, dafür drei Millimeter dünner. Und es wiegt nur 308 Gramm, knapp 90 Gramm weniger als der Konkurrent von Amazon.

Das iPad mini hat somit einen großen Sprung in Richtung E-Reader gemacht. Es lässt sich nun beim Lesen bequem für längere Zeit in einer Hand halten. Da der Rahmen schmaler geworden ist, bemerkt die Software nun, ob der Daumen beim Festhalten nur auf dem Display ruht oder ob er mit ihm interagieren will. Überhaupt ist das iPad mini nun so schmal geworden, dass es von einer Hand umfasst werden kann. Das heißt natürlich nicht, dass es mit einer Hand bedient werden kann. Aber zum Umblättern in einem elektronischen Buch reicht es.

Apple hat sich für eine Bildschirmdiagonale von 7,9 Zoll (20,1 Zentimeter) entschieden. Das macht einen größeren Unterschied gegenüber den sieben Zoll des FireHD, als es scheint, weil die Displayfläche dadurch um 35 Prozent größer ist. Das iPad mini hat eine Auflösung von 1024 mal 768 Bildpunkten (163 Pixel pro Zoll). Damit kommt es nicht an Googles Nexus 7 oder Amazons Kindle FireHD (jeweils 216 ppi) heran. Das ist wohl die größte Enttäuschung des iPad mini.

Allerdings hat die Auflösung des iPad mini eine Art Trostpflaster: Alle Anwendungen aus Apples AppStore für das iPad funktionieren ohne Abstriche auch auf dem iPad mini. Damit hat das Gerät Zugriff auf mehr als 275.000 iPad-Programme, weitaus mehr als andere Tablets. Dafür musste Apple jedoch auch dem Seitenverhältnis von 4:3 treu bleiben. Beim Betrachten von Filmen im verbreiteten Format 16:9 ist das störend, weil schwarze Balken zu sehen sind. Dafür aber werden digitale Fotos formatfüllend dargestellt.

Innen im Gerät schlägt das gleiche Herz wie im iPad 2, der gleiche Prozessor. Überrascht hat uns daher der digitale Sprachassistent Siri, der im iPad mini verfügbar ist, dem iPad 2 aber nicht vergönnt ist. Zwar hat Apple in seinen neueren, größeren iPads einen schnelleren Chip eingebaut als in das iPad mini. Wir hatten aber keine Leistungsschwierigkeiten bemerkt, auch nicht bei rechenintensiven Spielen. Vor allem bei Spielen zeigt sich, wie vorteilhaft das handlichere Format ist. Sie lassen sich im Querformat schlichtweg einfacher bedienen, weil die Daumen schneller an jede Stelle des Displays gelangen.

Apple hat das Ziel, seine Mobilgeräte zehn Stunden ohne Strom durchhalten zu lassen. Beim iPad mini funktioniert das. Auch das iPhone schafft manchmal nicht mehr. Erfreulich ist die Ladegeschwindigkeit von nur vier Stunden. Beim iPad 3 brauchten wir fast doppelt so lang. Apple hat den kleineren Lightning-Anschluss eingeführt. Bisheriges Zubehör lässt sich ohne einen – extra zu bezahlenden – Adapter nicht mehr verbinden. Mit Adapter aber sollte es keine Probleme geben.

Fazit: Das iPad mini ist ein gelungener, wenn auch nicht perfekter Wurf von Apple. Seine Größe wird es allgegenwärtiger machen. Leider ist Apple nur den halben Weg gegangen. Das günstigste iPad mini kostet 330 Euro – und ist damit 130 Euro teurer als Konkurrenzgeräte von Google oder Amazon. Wer mehr Speicher und auch noch Mobilfunkempfang wünscht, zahlt sogar bis zu 660 Euro. Für diesen Aufpreis sollten Nutzer ein schärferes Display verlangen dürfen. Apple selbst hat die Latte mit seiner Retina-Auflösung hoch gehängt – und sie mit dem iPad mini leider nicht übersprungen.