Fritz Kuhn

Grüne Umarmung

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Fritz Kuhns Triumph in Stuttgart zeigt: In Baden-Württemberg weiß die Partei, wie man Bildungsbürger anspricht

Als Fritz Kuhn, designierter Oberbürgermeister, am Wahlabend vom Stuttgarter Rathaus aus die Punkkneipe „Schlesinger“ ansteuerte, wo ihn seine Fans im Freudentaumel endlich hochleben lassen wollten, reckte jemand auf der Straße grinsend ein Plakat in die Luft. „Die Kanzlerin kommt“ stand unter dem Foto einer lächelnden Angela Merkel. Und darunter, wo normalerweise über Ort und Zeit des Auftritts informiert wird, klebte ein frisch gedruckter Zettel: „ … zu Fritz Kuhns Wahlparty ins Schlesinger.“

Merkel und ihre CDU hatten mit dem parteilosen Kandidaten Sebastian Turner das Stuttgarter Rathaus verteidigen wollen. Das war gerade tüchtig schiefgegangen. Neben dem Schaden hatten die Christdemokraten den Spott gratis dazu.

Die Grünen kommen derweil aus dem Hochgefühl nicht mehr heraus. Fritz Kuhn, den in Berlin manche schon zu den Ausgemusterten der Partei gezählt hatten, ist mit 52,9 Prozent der Stimmen klarer Sieger geworden. Bald wird er der erste grüne Stadtvater einer Landeshauptstadt. Sein Konkurrent, der Berliner Werbeexperte Sebastian Turner (Scholz & Friends), brachte es im Namen von CDU, FDP und Freien Wählern gerade mal auf 45,3 Prozent. In 14 Wahlbezirken hatte Kuhn die Mehrheit erkämpft, selbst dort, wo Ärzte, Ingenieure, Unternehmer, Bildungsbürger wohnen. Dort also, wo Stuttgart bis vor Kurzem traditionell schwarz oder gelb wählte.

Mappus, Turner – dann Merkel

„Die Grünen sind hier schon lange kein Bürgerschreck mehr“, sagt der Kommunikationsprofessor Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim nach der Wahl. „Sie gewinnen nicht nur Stimmen aus dem bürgerlichen Lager, sondern sind selbst Bestandteil des bürgerlichen Lagers.“

Das ließ nicht nur bei der Wahlparty im „Schlesinger“ die Stimmung kochen und die Hoffnungen hochfliegen. Das, was 2011 in der Staatskanzlei – Winfried Kretschmann wurde Ministerpräsident – und nun auch im Stuttgarter Rathaus geschah, sei erst der Anfang vom Ende der CDU, heißt es überall. Grünen-Bundeschefin Claudia Roth sprach tags darauf ebenfalls von einem „riesengroßen Signal weit über Stuttgart und Baden-Württemberg hinaus“ und von einem „Trend, der sich festsetzt“.

Wo die Reise hingehen soll, zeigte schon am Wahlabend ein weiteres Plakat mit drei Ortsausfahrtsschildern, diesen gelben Plaketten mit schwarzem Querstrich, wie sie von den Stuttgart-21-Demos bekannt sind. „Mappus“ stand durchgestrichen auf dem ersten, davor „2011“, dahinter ein Haken. Darunter „2012 Turner“, auch abgehakt. Und ganz unten: „2013 Merkel“. Durchgestrichen. Nur das Häkchen fehlte noch.

Einer drückte den Noch-Bundestagsabgeordneten Kuhn so kräftig an die Brust, dass es dem nur 1,68Meter großen „kleinen Fritz“ schier den Atem raubte: Rezzo Schlauch, ein Weggefährte Kuhns der ersten Stunde, und selbst einst Oberbürgermeisteranwärter in der Landeshauptstadt, freute sich so sehr, dass ihm die Tränen kamen. 1996 hatte Schlauchs Wahlkampagne gelautet: „Zwei Zentner für Stuttgart“. Der Spruch kam gut an im Stuttgarter Talkessel. Fast hätte Schlauch damals sogar gesiegt, doch die SPD wollte nicht rechtzeitig aus dem Weg treten. Und ausgedacht hatte sich den Slogan ausgerechnet der, der jetzt selbst Rathauschef wird: Fritz Kuhn.

Man könnte also sagen, dass Kuhns Kampf um das Rathaus schon vor 16 Jahren begann. Oder eigentlich noch sehr viel früher. Kuhn gehörte wie Schlauch oder Reinhard Bütikofer, der spätere Bundesvorsitzende, zu den Grünen der ersten Stunde in Baden-Württemberg und zu jenen Realos, die es irgendwann nach Berlin in die Bundespolitik zog, weil ihnen daheim die Aussicht auf die politische Macht fehlte. Zuvor hatten sie die Wurzeln für den heutigen Erfolg gelegt – gemeinsam mit Winfried Kretschmann, der zurückblieb, um schließlich Ministerpräsident zu werden. Ganz früh schon, als sich viele Grünen andernorts, aber auch in Baden-Württemberg, selbst nur als Dagegen-Partei verstanden, hatte das Trio den Willen zum Regieren.

An urbane Milieus angepasst

Kuhn, der Stratege, war sich dabei mit Kretschmann einig, dass es wenig Sinn habe, die Partei nur an der SPD auszurichten. Die SPD ist traditionell schwach im Industrieland Baden-Württemberg. Viele, die bei Daimler oder Bosch arbeiten, hatten früher noch ein Stückchen Acker und betrieben einen Nebenerwerbshof. Als kleine Grundbesitzer mit pietistisch-pfleglichem Fleiß fühlten sie sich bei den Konservativen zu Hause, nicht bei den kämpferischen „Roten“.

Die endgültige Öffnung zum bürgerlichen Lager geschafft hat Kretschmann. Der praktizierende Katholik und Oberstudienrat galt immer als Prototyp des bürgerlichen Baden-Württemberg-Grünen. Seinen Ruf, der Ober-Schwarz-Grüne zu sein, habe er dennoch fälschlicherweise weg, sagte der Ministerpräsident einmal. Schwarz-Grün sei die „einzige mathematische Option“ gewesen.

Durch Kretschmann hoffähig gemacht, konnten sich die Grünen auch in Stuttgart nun direkt durch die Mitte an die Schaltstelle der Macht arbeiten. Bundesparteichef Cem Özdemir, selbst ein Schwabe, will nun möglichst schnell genau analysieren, welche Faktoren Kuhn zum Sieg getragen haben. Fraglich ist, ob das ausreicht, um den Erfolg andernorts nachzuahmen. Andernorts gelten nun mal andere Gesetze. Cem Özdemir selbst lobte die breite thematische Aufstellung der Grünen im Südwesten, die als links, liberal im Sinne von bürgerrechtlich und gleichzeitig wertkonservativ wahrgenommen würden.

Die Südwest-Grünen seien besser als die CDU an die urbanen Milieus angepasst und würden auch auf dem „platten Land“ punkten, analysiert der Tübinger Politologe Hans-Georg Wehling. „Die wertkonservativen Grünen sind Fleisch vom Fleische der ehemaligen CDU-Anhänger“, sagt er. Besser angepasst an die Anforderungen, die die teils hedonistischen Bewohner von Großstädten haben: Kinderbetreuung, gute Luft, Kultur, Spaß und Bildung. Aber auch in ländlichen Regionen hat Baden-Württemberg viel Hightech und Unternehmertum.