Kommentar

Löw zwischen Jekyll und Hyde

Raik Hannemann über die Bedeutung der gefühlten Niederlage der deutschen Elf gegen Schweden

Es ist erschreckend, wie schnell Misserfolg Gesichter verändern kann. Als Joachim Löw sich wenige Minuten nach dem Abpfiff im Berliner Olympiastadion den ersten Fragen stellt, sieht er plötzlich anders aus als sonst. Seine Gesichtszüge wirken verhärmt, das seltene Grau in seinem Haaransatz scheint sich in den 90 Minuten zuvor rasant ausgebreitet zu haben. Dem Dirigenten der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der sonst so perfekt gestylt durch Werbespots für Kosmetika stolziert, hat das 4:4 im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden die Fassungslosigkeit ziemlich unschön ins Gesicht geschrieben. Und diese Verwandlung verstärkt bei den 13 Millionen deutschen Möchtegern-Bundestrainern vor den Fernsehschirmen nur noch den Eindruck, soeben der seltsamen Verwandlung von Dr.Jekyll in Mr.Hyde beigewohnt zu haben.

Das Halbfinal-Aus gegen Italien bei der Europameisterschaft im Sommer und vor allem die nachfolgende herbe Kritik daran scheint in Joachim Löw einen düsteren Gegenpart geweckt zu haben, von dem er offenbar selbst nicht weiß, ob er ihn noch mal gebändigt bekommt. Der Mann, der Deutschlands Elf eine weltweit bewunderte Offensivkultur einimpfte und der Nation damit ein neues Selbstwertgefühl verschaffte, fühlt sich in der öffentlichen Diskussion inzwischen derart ungerecht behandelt, dass er sich nun vor lauter Renitenz zu verrennen droht. Da kritisiert er öffentlich Spieler so hart, dass er damit die Gefolgschaft des Spielerblocks vom Deutschen Meister Borussia Dortmund riskiert. Und wohlgemeinte Ratschläge von Branchengrößen wie Uli Hoeneß kanzelt er mit der abfälligen Bemerkung ab, es interessiere ihn nicht mehr, wer was zu seiner Arbeit sage. Dass ihn gegen Schweden am Ende auch und besonders Hoeneß’ Bayern-Stars wie Neuer, Lahm und Badstuber im Stich ließen, entbehrt da nicht einer gewissen Ironie.

Wie schade, dass die Bundeskanzlerin nur nach Siegen die Spielerkabine besucht. Angela Merkel hätte Löw wichtige Tipps geben können. Dass man Sachen bei Gegenwind auch mal ruhig aussitzen kann, zum Beispiel. Oder dass man seine Politik manchmal durchaus den Realitäten anpassen darf, ohne seiner großen Linie untreu zu werden. Schon die Einwechslung eines einzigen Defensivspielers in der 90.Minute hätte dazu vermutlich gereicht. Aber dem Mr.Hyde in Löw dieser Tage war es wichtiger, Angriff weiter als die beste Verteidigung zu dozieren. Obwohl er hätte wissen müssen, dass ein Remis gegen Schweden trotz 4:0-Führung irgendwie auch als ein Verrat an den deutschen Fußballtugenden gewertet wird.

Wer das übertrieben findet, dem sei gesagt: Ja, Löw war und ist natürlich weiterhin der richtige Mann für den deutschen Fußball in dieser Zeit. Und sicher zählt auch für ihn vorrangig das nackte Ergebnis. Und trotzdem wird sich Dr.-Jekyll-Löw daran gewöhnen müssen, dass ihn nun bis zur

WM-Endrunde 2014 in Brasilien auch Zweifel an Mr.Hyde begleiten. Und es wird unabhängig vom Ausgang wohl sein letztes großes Turnier im Amt werden.