Verbraucher

Noch sind Rentner gut versorgt

Größtes Armutsrisiko in Deutschland ist Arbeitslosigkeit. Relativ wohlhabend sind einer Studie zufolge dagegen Ruheständler – noch

Die meisten Rentner in Deutschland sind trotz teils niedriger Altersbezüge gut versorgt. Geringverdiener sorgen aus Expertensicht aber zu wenig gegen drohende Altersarmut vor. Das geht aus dem Alterssicherungsbericht 2012 der Bundesregierung hervor. Der Bericht dürfte dem Rentenstreit der Koalition neue Nahrung geben.

Demnach verfügen Ehepaare und Alleinstehende über 65 Jahren im Schnitt über ein Haushaltseinkommen von 1818 Euro netto im Monat. Alleinstehende Frauen haben nur 1292 Euro, alleinstehende Männer dagegen 1560 Euro, Ehepaare sogar 2433 Euro. „Im untersten Einkommenszehntel sind deutlich mehr Frauen als Männer vertreten“, steht im Bericht.

Die gesetzliche Rente hat demnach im Alter weiter die größte Bedeutung. Die privaten Renten der Ehepaare belaufen sich in Westdeutschland auf 557 Euro, bei Alleinstehenden sind es 371 Euro. In den ostdeutschen Ländern erreichen Paare durchschnittlich 265 Euro, Alleinstehende 323 Euro monatlich.

Jedes dritte Ehepaar und jeder vierte Alleinstehende nimmt dem Bericht zufolge Zinsen von der Bank ein – bei Verheirateten in den alten Ländern im Schnitt 338 Euro im Monat. Mieteinkünfte fließen recht üppig – im Durchschnitt bekommen Senioren-Ehepaare demnach monatlich 1043 Euro, Alleinstehende 713 Euro.

Die Zahlen beruhen auf der neuen Erhebung „Alterssicherung in Deutschland“, für die TNS Infratest Sozialforschung im Jahr 2011 fast 28.000 Personen befragt hatte. Die Autoren warnen davor, sich nur auf Durchschnittswerte zu stützen.

Die Zahlen dürften dem Rentenstreit in der Koalition neue Nahrung geben. Derzeit müssen nur 2,5 Prozent der über 65-Jährigen von staatlicher Hilfe leben. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fürchtet aber, dass diese Quote ohne Reform deutlich wächst und will Geringverdiener und Selbstständige in Zukunft besser absichern.

In dem Bericht warnen die Experten im Einklang mit von der Leyen vor Altersarmut. Nur ein sehr geringer Teil heutiger Rentner sei auf Grundsicherung angewiesen. „Aber es gibt Entwicklungen, die für künftige Generationen ein auskömmliches Alterseinkommen gefährden könnten.“

Zurzeit ist etwa jeder sechste Einwohner Deutschlands armutsgefährdet – nicht nur Rentner. Das sind rund 12,8 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt meldete. Die Quote hat sich damit in den vergangenen Jahren kaum verändert. 2009 waren es 15,6 Prozent, 2008 noch 15,5 Prozent. Eine Person gilt für die Statistiker 2010 als armutsgefährdet, wenn sie einschließlich staatlicher Transferleistungen weniger als 11.426 Euro im Jahr oder 952 Euro im Monat zur Verfügung hatte. Das waren 60 Prozent des mittleren Einkommens. Insgesamt sind die Deutschen der Statistik zufolge allerdings reicher geworden: 2007 lag die Armutsschwelle erst bei 10.986 Euro.

Alleinerziehende betroffen

Armutsgefährdung ist aber nicht gleich Armut: „Wer armutsgefährdet ist, muss nicht unbedingt arm sein, wenn er gut mit seinem Geld umgehen kann, über soziale Kontakte oder auch eigenes Vermögen verfügt“, sagt Armutsexperte Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Aber das Armutsrisiko ist eben größer, wenn man nur 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.“

Bei Männern lag die Quote mit 14,9 Prozent unter, bei Frauen mit 16,8 Prozent über dem Durchschnitt. Allen Diskussionen über steigende Kinderarmut zum Trotz waren Kinder unter 18 Jahren mit einer Quote von 15,6 Prozent nur unterdurchschnittlich gefährdet. Noch geringer war die Quote der Armutsgefährdeten unter den Älteren über 65 Jahre mit 14,2 Prozent. Kaum bedroht von Armut sind Familien mit einer Quote von 8,7 Prozent. Alleinerziehende und ihre Kinder gehörten dagegen mit 37,1 Prozent erneut zu den am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen. Das höchste Armutsrisiko haben Arbeitslose mit einer Quote von 67,8 Prozent. Von den Erwerbstätigen sind dagegen nur 7,7 Prozent von Armut bedroht.

Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist einer neuen Statistik der Bundesagentur für Arbeit zufolge gering: Zwar fürchte jeder zweite Bundesbürger, arbeitslos zu werden, tatsächlich liege aber das Risiko unter einem Prozent. „Das bedeutet: Neun von 1000 Beschäftigten werden derzeit pro Monat arbeitslos“, berichtete die Bundesagentur. Selbst während der Wirtschaftskrise 2009 sei das Risiko nur unwesentlich höher gewesen; damals habe elf von 1000 Beschäftigten der Jobverlust gedroht. Wer allerdings einmal seine Stelle verloren habe, bekomme derzeit nicht mehr so leicht eine neue wie noch vor einigen Monaten, gab die Bundesagentur zu.

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bestimmt der Einstieg in den Arbeitsmarkt maßgeblich die Chancen und Risiken im weiteren Berufsleben.

In der Studie werden speziell die Beschäftigungschancen für jüngere und ältere Bundesbürger betrachtet. Demnach ist der Jobeinstieg bei jungen Erwachsenen bis etwa zum Alter von 30 Jahren zunächst von befristeten Arbeitsverträgen sowie zunehmend auch von Leiharbeit geprägt. Gelang es 2000 noch 60 Prozent der jungen Menschen, sofort nach der Ausbildung eine unbefristete Vollzeittätigkeit zu erlangen, sind es heute der Studie zufolge nur noch 50 Prozent.