Kommentar

Am Rande des Pulverfasses

Michael Stürmer über die Gefahr der militärischen Spannungen zwischen der Türkei und Syrien

Wenn du im Loch steckst, hör auf zu graben“. Die amerikanische Spruchweisheit ist an dem syrischen Diktator verloren. Jetzt hat Assad den Türken, ob Militärmaschinen oder zivil, den syrischen Luftraum gesperrt. Bei Zuwiderhandlung wird geschossen. Die Türkei konterte prompt und verwehrt ihrerseits den Überflug für syrische Passagiermaschinen. Dass die Drohungen ernst gemeint sind, ergibt sich schon daraus, dass die syrische Luftabwehr vor zwei Monaten eine türkische Aufklärungsmaschine abschoss, der Pilot und der Beobachter tot. Es folgte in den letzten zehn Tagen ein Artillerieduell dem anderen. Der Zustand an der Grenze und zwischen den Hauptstädten erfüllt den Tatbestand dessen, was man heute Krieg von niedriger Intensität nennt, unerklärt und ohne erkennbare Strategie.

Oder handelt Assad nur noch aus Verzweiflung und um die Türken von weiterer Unterstützung der Aufständischen durch Waffenlieferungen abzuschrecken? Nichts kann den starken Mann von Damaskus respektive seine Generalität daran hindern, die Türken, ob Regierungschef Erdogan oder die Kommandeure der türkischen Armee, bis zu dem Punkt zu reizen, wo sie ernsthaft eingreifen. Die Zeiten, da Erdogan sich als Leitbild der arabischen Unruhe anbot und sein Außenminister Davotoglu neoosmanische Hegemonieträume mit einer Politik des „Keine Probleme mit Nachbarn“ verband, sind erst einmal vorbei.

Ob aus der gegenwärtigen Vorkriegszeit in Tagen oder Wochen Krieg wird, kann niemand mit Bestimmtheit voraussagen – aber ausschließen kann es auch niemand. Fakt ist: Die Eskalationen finden an einer strategischen Bruchstelle des europäisch-nahöstlichen Sicherheitssystems statt. Eines Systems, dessen Architektur aus den Zeiten des Kalten Krieges und dem Erbe des Ersten Weltkrieges stammt. Es ist ein schwieriges Erbe. Und auch die hoffnungsvollen Entwicklungen des „arabischen Frühlings“ haben es nicht einfacher gemacht. Gerade die Türkei spielt dabei eine wichtige, wenn auch immer schon prekäre Rolle als Eckpfeiler der westlichen Allianz am Rande des nahöstlichen Pulverfasses. Und wohl noch nie hing die Ausübung dieser Rolle so sehr von der Besonnenheit der türkischen Führung ab. Außenminister Westerwelle hat bei seinem Besuch in Ankara zu Recht darauf hingewiesen.

Vielleicht aber hält sich der syrische Diktator, weil er über große Mengen chemischer und biologischer Massenvernichtungswaffen verfügt, auch für unverwundbar. Er könnte sich darin irren. Denn es würde dann wahrscheinlich die Unterstützung aus Moskau fehlen – woher diese fürchterlichen Waffen einmal geliefert wurden –, weil die Russen es sich nicht mit der arabischen Welt verscherzen wollen. Und weil sie selbst fürchten müssen, dass die Waffen der Apokalypse ihren Weg in den Kaukasus und weiter nach Norden finden. Es würden auch Israelis und Amerikaner, die für diesen Ernstfall im südlich angrenzenden Jordanien bereits Vorkehrungen treffen, sich zum Eingreifen gezwungen sehen.