Sicherheit

Nordkorea: Unsere Raketen können die USA treffen

Wie Pjöngjang versucht, Washington zu erpressen

Déjà-vu in Nordkorea: Wieder lässt die bettelarme Diktatur ihre vermeintlichen Muskeln spielen. Die Nationale Verteidigungskommission in Pjöngjang ließ verlauten, dass die Volksarmee über Raketen verfüge, die amerikanisches Festland erreichen können. Die meisten Experten halten diese Einlassung für reine Kriegsrhetorik, die dem tatsächlichen technologischen Niveau der nordkoreanischen Rüstungsindustrie in keiner Weise entspricht.

Die jüngste Verbalvolte aus Pjöngjang gilt vielmehr als trotzige Antwort auf die Vereinbarung zwischen Erzfeind Südkorea und den USA, die Reichweite des südkoreanischen Raketensystems stark auszuweiten. Die USA hatten Südkorea den Bau ballistischer Raketen zugestanden, die mit 800 Kilometer Reichweite ganz Nordkorea erreichen können.

Die staatliche Nachrichtenagentur meldete, die Reichweite nordkoreanischer Raketen schließe nicht nur „die Stützpunkte der (südkoreanischen) Marionettentruppen sowie die der US-amerikanischen aggressiven Imperialisten“ ein, sondern auch jene in Japan, Guam und auf dem amerikanischen Festland.

Die USA haben 28.500 Soldaten in Südkorea stationiert und beschützen ihren Verbündeten mit einem „Abwehrschirm“ gegen etwaige atomare Angriffe aus dem Norden. Nord- und Südkorea haben seit dem Ende des Koreakriegs 1953 einen brüchigen Waffenstillstand, befinden sich aber völkerrechtlich weiterhin im Kriegszustand.

Nordkorea hatte im Oktober 2006 und im Mai 2009 Atomwaffentests vorgenommen und im April dieses Jahres eine Rakete mit einem Satelliten getestet, die jedoch kurz nach dem Start ins Meer stürzte. Die USA, Japan und Südkorea sahen in dem Satellitenstart den verdeckten Test einer Langstreckenrakete und damit einen Verstoß gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats.

Wunschvorstellung des Regimes

„Solche Raketen sind seit langer Zeit eine politische Wunschvorstellung des Regimes, aber es hat seine Befähigung dazu bisher noch nicht unter Beweis gestellt“, sagte Daniel Pinkston von der International Crisis Group dem US-Sender CNN. „Um solch eine Kapazität zu erlangen, bedarf es einer Menge Entwicklung und vieler Tests. Ich halte die Ankündigung für unglaubwürdig, aber sicher ist auch, dass Nordkorea daran arbeitet.“

Auch Hanns Günther Hilpert, Südostasienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ist skeptisch. „Dass der Test im April so grandios gescheitert ist, zeigt doch, dass die Nordkoreaner technisch noch nicht so weit sind, Langstreckenraketen zu bauen“, sagte Hilpert Welt online. Das Regime suche mit solcher Rhetorik Legitimation nach innen und Erpressungspotenzial nach außen. „Das Land wittert seine Chance, die USA zu erpressen, weil Amerika im Wahlkampf steckt und es mit Afghanistan und dem Nahen Osten andere Brennpunkte in der Welt gibt, die Priorität haben.“