Interview

„Frauen denken vom Ende her“

Verbraucherministerin Ilse Aigner über ihre Rückkehr nach Bayern, die Stärke von Politikerinnen und ihr Leben in Berlin

Zurück in die Heimat: Ilse Aigner (CSU) kehrt der Bundespolitik den Rücken und kandidiert für den bayerischen Landtag. Auch das Gespräch mit der Bundesverbraucherministerin findet in München statt. Im Hofgarten kann sich die CSU-Hoffnungsträgerin vor Komplimenten kaum retten: „So eine schöne Frau!“, ruft ihr ein Landsmann zu. Aigner bedankt sich artig und spricht mit Jochen Gaugele und Claus Christian Malzahn gut gelaunt über ihren Wechsel in die Landespolitik.

Berliner Morgenpost:

Angela Merkel, Christine Lieberknecht, Hannelore Kraft, Annegret Kramp-Karrenbauer – wie wird sich diese Reihe fortsetzen, Frau Aigner?

Ilse Aigner:

Julia Klöckner wird Malu Dreyer als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz ablösen. (lacht)

Und Ilse Aigner?

Die kandidiert für den bayerischen Landtag. Glauben Sie mir: Es gibt keine Geheimpläne und keine Zusagen – und mir könnte auch keiner etwas zusagen. Denn allein die Wähler entscheiden darüber, wie stark die CSU 2013 wird. Richtig ist aber: In der Politik bringen sich Frauen immer stärker ein. Viele müssen harte Strecken zurücklegen, aber irgendwann wird es Normalität sein, und niemand wird mehr darüber sprechen, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

Was unterscheidet Frauen, die Karriere machen, von Männern, die Karriere machen?

Beide wissen, wie es funktioniert. Aber Frauen haben manchmal einen anderen Ansatz und gehen anders an Themen ran. Vor allem denken sie eher vom Ende her. Ihnen geht es weniger um den momentanen Punktsieg, sondern mehr um die Frage: Wie kommen wir zu einer Lösung, wie kommen wir dorthin, wo wir hinwollen? Da kann man zwischendurch auch mal eine Niederlage einstecken, ohne dass man das Gesicht verliert. Das unterscheidet weiblichen Politikstil von männlichem Politikstil.

Erfolgsfaktor Frau.

Ich halte es für wichtig, dass Frauen sich in der Politik nicht selbst auf die klassischen Themenfelder verengen: Familie, Kindererziehung, Schule. Ich habe früher Elektrotechnik gemacht und war in der Hubschrauberentwicklung. Ich bin es gewohnt, allein unter Männern zu sein. Ich habe vier Semester als einzige Frau mit hundert Männern die Schulbank gedrückt. Das hat einen Heidenspaß gemacht. Es ist ganz simpel: Man muss sich durchsetzen als Frau. Und wenn es schwierig wird, darf man nicht gleich rufen: Oh, Hilfe!

Waren Sie eigentlich mal im Eisenbahnkeller von Horst Seehofer im Altmühltal?

Nein. Aber das stelle ich mir spannend vor.

Wir waren neulich drin. Da gibt es Angela Merkel als Playmobilfigur ...

Da bricht das Kind im Manne durch. Ich habe früher Lego geliebt und mit allen Verrenkungen die tollsten Sachen gebaut.

Nehmen Sie sich noch Zeit für Hobbys?

In den wenigen Stunden, die ich freihabe, versuche ich mich wirklich zu bewegen. Ich lese auch gern, aber das Schönste ist für mich, Schwimmen zu gehen oder im Wald zu laufen. Bewegung, Bewegung, Bewegung.

Ist Ihr Wechsel auch eine Flucht aus Berlin?

Wie kommen Sie darauf? Ich habe mich in Berlin immer wohlgefühlt. Und ich bin mir sicher, dass mir Berlin fehlen wird. Berlin ist eine unheimlich lebendige, faszinierende Stadt. Aber Heimat ist natürlich etwas anderes. Das ist bei uns am See oder am Berg oder in irgendeinem Biergarten im Voralpenland.

Landsleute von Ihnen halten sich in der Hauptstadt mit bayerischer Feinkost emotional über Wasser.

Dazu gehöre ich nicht. Ich habe neulich im Prenzlauer Berg ein Lokal aufgestöbert, das alte Rezepte nachkocht. Da steht Berliner Schnitzel auf der Karte, und ich habe es bestellt, weil es mich interessiert hat. Es war gebackenes Euter …

Oh.

Es war aber ganz lecker. Ich muss nicht überall Schweinshaxn essen.

Richtig bayerisch spreche ich ja nur, wenn ich zu Hause bin. Aber manche in Berlin machen schon ihre Witze. Ich bin deshalb möglicherweise manchmal unterschätzt worden, aber ich kann gut damit umgehen.

Horst Seehofer traut Ihnen erkennbar mehr zu als anderen, die sich zu seinen Kronprinzen zählen. Bekommen Sie das zu spüren?

Wir sind ein Team. Und alle sind sich bewusst, was 2013 auf dem Spiel steht. Wir können nur gemeinsam gewinnen. Dazu müssen wir uns unterhaken.

Was hat Christine Haderthauer, die bayerische Arbeitsministerin, zu Ihnen gesagt?

Ich glaube: „Willkommen im Klub!“

Öffentlich hat sie gesagt, Sie ergänzten sich gut: „Sie als Alleinstehende und kinderlos, ich als Frau mit Familie.“ Haben Sie Ihre Parteifreundin auf diese Hinterhältigkeit angesprochen?

Da wird mal wieder ein einzelner Satz aus dem Zusammenhang gerissen und überinterpretiert. Christine Haderthauer ist eine hervorragende Familienpolitikerin in Bayern, ich bin Landwirtschafts- und Verbraucherministerin in Berlin. Sie macht ihre Aufgaben, ich mache meine.

Alleinstehend und kinderlos – das kann in Bayern schwierig sein.

Ich finde nach wie vor, dass die Frage, ob oder wie lange oder zum wievielten Mal man verheiratet ist oder wie viele Kinder man hat, keine Auswirkungen auf die Frage hat: Bin ich ein guter oder ein schlechter Politiker?

Verraten Sie, was sich hinter „alleinstehend“ verbirgt?

Ich bin glücklich, machen Sie sich um mich bitte keine Sorgen!

Die CDU-Ministerpräsidentinnen Lieberknecht und Kramp-Karrenbauer haben besonderen Mut vor der Kanzlerin bewiesen – und sich im Bundesrat für Mindestlohn und Frauenquote starkgemacht. Bewundern Sie das?

Mut sieht anders aus. Ich finde, in einer Partei sollte man sich um eine gemeinsame Linie bemühen und der Versuchung, immer nur die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen, auch einmal entsagen. Für Angela Merkel ist es schon schwierig genug, auf Dauer den Haufen zusammenzuhalten. Jeder hat die Möglichkeit, seine Meinung einzubringen. Aber am Ende sollte man sich an Verabredungen halten – und den Kurs unserer Kanzlerin und der Mehrheit der Union unterstützen.