Wahlen

Obama überlässt Romney das Feld

In der ersten TV-Debatte zwischen US-Präsident und Herausforderer ist der Sieger nach Ansicht des Körpersprache-Experten Stefan Verra klar

Es ist eine denkwürdige Veranstaltung in der Joy Burns Arena der Universität von Denver. Der erste direkte Schlagabtausch zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney für die TV-Zuschauer. Neunzig Minuten lang sollen sich der demokratische Präsident und sein republikanischer Angreifer beharken.

Draußen drängeln sich Studenten, Professoren, Anwohner und Neugierige um den Campus, auf dem ein großes „Debattenfest“ stattfindet mit Musikbühne, Imbissständen und großer Bekenntnisfreude: Viele Besucher tragen T-Shirts mit Wahlkampfslogans. „Vorwärts“, das Motto der Wiederwahlkampagne, steht auf den einen, „Feuert Obama“ auf anderen. Die Fronten sind geklärt, die Stimmung ist aggressionsfrei. Colorado ist ein „Purple State“, je ein Drittel der Wähler sind Demokraten, Republikaner und Unabhängige, und das Blau der einen bildet im Gemisch mit dem Rot der anderen Partei ein entspanntes Lila.

Drinnen geht es dann zur Sache. „Von Beginn an ist Obama in der Defensive“, sagt der Körpersprache-Experte Stefan Verra, der die Debatte für die Berliner Morgenpost analysiert. Etwa als beide in der Mitte der Bühne direkt vor dem Publikum stehen. Romney genieße den Applaus weit mehr und gehe so eine Verbindung mit den Menschen ein. Obama lächele auch, doch mit streng geschlossenen Lippen, was untypisch für ihn sei. „Auffallend ist auch, dass es Obama schneller hinter den Schutz des Pultes zieht als Romney. Und er zögert, als Romney noch ins Publikum winkt, und winkt dann auch weiter. Der Präsident macht praktisch den Herausforderer nach.“ Und dieser Eindruck ziehe sich durch den Rest der Debatte.

„Gouverneur Romney und ich, wir beide stimmen überein …“, sagt Obama mehrfach, um dann klarzumachen, dass in den Details natürlich er richtig liege und Romney fürchterlich irre. Der Präsident bedankt sich auch bei Romney für die Debatte. Das sollte wohl gelassen wirken, klang aber eher gönnerhaft. Und dazu diese Körperhaltung: nahezu immer geduckt, wie Experte Verra sagt. „Sein Kopf hängt nach vorne. Demonstrativ schreibt er, während Romney spricht, damit hängt sein Kopf noch mehr.“ Er wirke damit bei den Angriffen des Herausforderers sehr defensiv.

Romney dagegen wirkt wie in seinem Element. Er spreche lauter, mit höherer Stimme, sagt Verra, mache größere, raumgreifendere Bewegungen, suche die Kamera, das Publikum. „Und er tänzelt fast hinter dem Pult. So locker ist einer nur, wenn er sich einigermaßen sicher fühlt. Zudem gelingt ihm eine Gratwanderung: Er unterbricht den Moderator, ohne dabei arrogant zu wirken. Er hat meist klar die Kontrolle über das Gespräch.“ Obama halte sich mit Gesten eher zurück. „Verglichen mit seinem Auftreten bei Pressekonferenzen und Reden, dreht er seinen Kopf fast nicht, und seine Hände sind nahe beim Rumpf. Er wirkt klein dadurch“, sagt Körpersprache-Spezialist Verra.

Von der Haltung her ist also klar, wer in dieser Debatte punktet: der aggressive Herausforderer. „Sie erhöhen Steuern und töten Arbeitsplätze“, befindet Romney etwa, dabei hat der Präsident bislang Steuern gesenkt. Zur Wall-Street-Regulierung Obamas merkt Romney an, weil einige mächtige Banken als „zu groß zum Scheitern“ eingestuft worden seien, habe die Regierung ihre Existenz garantiert. „Das ist der dickste Kuss, den New Yorker Banken je bekommen haben“, sagt der Ex-Private-Equity-Unternehmer.

Es gibt witzige Szenen. Zu Beginn verkündet der Präsident, dass er an diesem Mittwoch vor exakt 20 Jahren der „glücklichste Mensch auf Erden“ wurde, weil er Michelle Robinson heiraten durfte, die heutige First Lady. Die sitzt im Publikum, und der Präsident verspricht ihr, den nächsten Hochzeitstag nicht vor 40 Millionen Zuschauern zu feiern. Romney gratuliert und mutmaßt, dieses TV-Duell sei sicher der „romantischste Ort“, den sich Obama für den Anlass habe vorstellen können, „hier mit mir“. Der Präsident lache breit, zum ersten Mal in der Debatte, sagt Verra, und das über einen Witz Romneys. An sich normal, in der Debatte unterstreiche das aber, dass Romney führe, seine Alpharolle.

Ein anderes Mal attackiert der Republikaner den Demokraten, weil der Pläne falsch darstelle. „Sie sind berechtigt als Präsident, Ihr eigenes Flugzeug zu haben und Ihr eigenes Haus, aber nicht Ihre eigenen Fakten“, spottet Romney. Als der Ex-Gouverneur ankündigt, die Gesundheitsreform des Präsidenten zurückzunehmen und diese als „Obamacare“ bezeichnet, entschuldigt er sich für die republikanische Schmähvokabel: „Tut mir leid, Mr. Präsident, ich benutze den Begriff mit allem Respekt.“ „Ich mag ihn“, kontert Obama trocken und hat die Lacher auf seiner Seite.

Moderator Jim Lehrer gestattete Obama vier Minuten mehr Redezeit als Romney. Für Stefan Verra steht der Sieger der Debatte, abseits von Zeiten und auch den Inhalten, eindeutig fest: Von der Körpersprache her sei es eindeutig Romney gewesen.