Kommentar

Gefangene der Rhetorik

Clemens Wergin über den Grenzkonflikt zwischen Syrien und Nato-Mitglied Türkei

Es ist die Geschichte einer angekündigten Eskalation. Als die syrische Luftwaffe im Juni ohne Vorwarnung ein türkisches Militärflugzeug abschoss, sah sich die türkische Regierung zu einer klaren Warnung genötigt: Sollte so etwas noch einmal vorkommen, werde man zurückschlagen. Dieser Fall ist nun eingetreten. Bei einem offenbar versehentlichen Granatenbeschuss von syrischer Seite auf ein grenznahes türkisches Dorf sind fünf türkische Bürger ums Leben gekommen. Ankara hat darauf mit dem Beschuss einer syrischen Militärbasis geantwortet. Zudem hat das türkische Parlament die Regierung zu weiteren Militäraktionen gegen das Nachbarland ermächtigt. Droht nun ein Krieg?

Die Regierung in Ankara signalisiert, dass man sich mit Vergeltung von begrenztem Ausmaß begnügen wolle. Das folgt der Logik nahöstlicher Politik, wo rote Linien zuweilen auch mit Waffengewalt gezogen werden. Und es geht natürlich auch darum, nicht das Gesicht zu verlieren. Manche, etwa die syrischen Rebellen, mögen vielleicht die Hoffnung hegen, dass sich hier ein Anlass für Ankara bietet, die syrische Opposition nicht nur mit Worten, Waffen und Geld, sondern auch mit militärischer Gewalt zu unterstützen. Tatsächlich aber hat kaum jemand ein Interesse, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Damaskus nicht, weil das Assad-Regime seine Soldaten braucht, um den Aufstand niederzuschlagen. Ankara nicht, weil die Türken mit großer Mehrheit dagegen sind und weil Syrien ein ernst zu nehmender Gegner wäre. Käme es zu einem umfassenden Krieg, dann könnte die syrische Armee auch chemische oder biologische Waffen aus ihrem reichlich bestückten Arsenal einsetzen. Die Folgen wären kaum absehbar.

Aber auch die Nato will nicht in einen neuen Nahost-Krieg und in den syrischen Bürgerkrieg mit seinen unklaren Frontverläufen hineingezogen werden. Europa hat mit seiner Wirtschafts- und Währungskrise genug zu tun. Und Amerika möchte im Wahlkampf nicht mit den Händeln der Welt da draußen behelligt werden. Alles spricht also dafür, dass sich die Lage beruhigen wird. Wenn, ja wenn es nicht erneut zu einem ungeplanten Zwischenfall kommt.

In der Weltgeschichte hat es viele Kriege gegeben, an denen beide Seiten kein wirkliches Interesse hatten. Die aber dennoch ausbrachen, weil die Regierenden nicht hinter einmal geäußerte Warnungen zurückkonnten. Zur Aufrechterhaltung der eigenen Glaubwürdigkeit und Abschreckungsmacht sah man sich gezwungen, den Drohungen auch Taten folgen zu lassen.

Deshalb ist es wichtig, dass die Welt dem syrischen Regime deutlich macht, welches Risiko es bei grenznahen Militäraktionen gegen Rebellen eingeht. Und hinter den Kulissen sollten die Nato-Partner die türkische Regierung eindringlich davor warnen, zum Gefangenen der eigenen Rhetorik zu werden. Kriege können in aufgeheizten Situationen schneller entstehen, als man glaubt. Und sie sind in der Regel zerstörerischer und dauern länger, als die politischen Führer am Anfang gehofft hatten. Nach Irak und Afghanistan weiß der Westen das nur allzu gut.