Demographie

Deutschlands graue Revolution

Eine alternde Bevölkerung verlangt teils radikale Rezepte. Darum geht es beim Demografie-Gipfelim Kanzleramt

Die Lebenserwartung steigt in den nächsten 50 Jahren um weitere sieben Jahren, sagt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) voraus. Ausreichend Nachwuchs zur Finanzierung von Pflege, Rente und Gesundheitsleistungen ist nicht in Sicht. Die Alterung der Bevölkerung wird das Land dramatisch verändern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das sperrige Thema auf ihre politische Agenda gesetzt. Auf einem Demografie-Gipfel will die CDU-Chefin an diesem Donnerstag gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nach Wegen suchen, wie die gravierenden Folgen der Alterung zu bewältigen sind.

Auf konkrete Maßnahmen drängen die Städte und Gemeinden. „Wir brauchen eine grundlegende Reform des Sozialstaates, weil in einer alternden Gesellschaft nicht immer weniger Junge für immer mehr Ältere auch noch bessere Sozialleistungen erwirtschaften können“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg. Nötig sei wie bei der Energiewende ein „komplettes Umsteuern“, um den Weg aus dem Schuldenstaat zu finden und notwendige Investitionen in moderne Infrastrukturen tätigen zu können.

Deutschlands Bevölkerung wird bis 2060 um ein Fünftel schrumpfen. Jeder Dritte wird dann 65 Jahre oder älter sein, jeder Siebte mindestens 80 Jahre. Besonders dramatisch ist die Lage im Osten: Dort wird ein Drittel weniger Menschen leben als heute. Zuwanderung dämpft zwar die Entwicklung. Doch nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung profitieren fast nur Großstädte davon. Ländliche Regionen in wirtschaftlich schwachen Gegenden bluten dagegen aus.

Ruf nach mehr Geld

Der Präsident des Landkreistages, Hans Jörg Duppré, fordert die Bundesregierung auf, die besonders vom demografischen Wandel betroffenen Gebiete zusätzlich zu fördern. „Die Unterstützung besonders betroffener Gebiete wird nicht zum Nulltarif zu haben sein.“ Nötig seien Anpassungs- und Umsteuerungsprozesse bis tief hinein in die Infrastruktur, was kostspielig sei, sagt Duppré. Beim Einsatz der Förderinstrumente verlangen die Landkreise zudem einen größeren Spielraum. Denn die besonders betroffenen Gebiete bräuchten keine Einheitslösungen, sondern neue Ideen und Raum für Experimente.

Duppré fordert zudem die Einführung eines „Gesetzes-Chefs Demografie“ an: Jedes Bundesgesetz sollte künftig auf seine Auswirkung vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen „im Sinne einer Gesetzesfolgenabschätzung – einschließlich finanzieller Folgen – überprüft werden“. Überdies regte der Präsident des Landkreistages eine Koordinierungsstelle im Kanzleramt an, die alle die Demografie betreffenden Zuständigkeiten bündelt und Gesetzgebungsvorhaben in diesem Querschnittsbereich vorantreibt.

Der Deutsche Städtetag (DST) weist darauf hin, dass selbst Städte, deren Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten noch wachsen wird, die Folgen des gesellschaftlichen Wandels spüren werden. „Alle Kommunen müssen sich mit der veränderten Altersstruktur und einem wachsenden Anteil von Migranten auseinandersetzen“, sagte DST-Geschäftsführer Stephan Articus. Wichtig sei es beispielsweise, den Wohnungsbestand an die neuen Bedürfnisse anzupassen. So müsse einerseits für ein ausreichendes Angebot an barrierefreien und altersgerechten Wohnungen gesorgt werden und andererseits weiterhin genügend familiengerechter Wohnraum vorhanden sein.

Die Wirtschaft sieht vor allem die Folgen des Wandels für den Arbeitsmarkt mit Sorge. Die Entwicklung stelle die hiesigen, meist mittelständischen Unternehmen vor eine große Herausforderung, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann, der Morgenpost. Mehr Anstrengung mahnte der DIHK-Chef bei der Zuwanderung und der Integration ausländischer Fachkräfte an.