Medizin

Internationaler Zahlenstreit zur Beschneidung

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Ist die Vorhautentfernung manchmal tödlich?

Neue scharfe Töne in der Beschneidungsdebatte: Der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel sagt, dass es nach der Vorhautentfernung bei Jungen zu Todesfällen komme. Er bezieht sich auf eine Schätzung aus den USA. Demnach soll es dort im Jahresdurchschnitt 117 Todesfälle bei 1,3 Millionen Beschneidungen geben. Solche Fälle kämen definitiv auch in Deutschland vor, sie würden nur nicht publik. Der Grund: „Alle Beteiligten haben ein erhebliches Interesse, dass Komplikationen nicht öffentlich werden.“ Doch kann man so überhaupt argumentieren? In der von Merkel genannten Schätzung ist unklar, ob neugeborene Jungen tatsächlich an der Beschneidung sterben oder nicht durch andere medizinische Faktoren.

Und was generell die Statistiken zu Beschneidungen betrifft, so zeigte sich deren mangelnde Aussagekraft am Freitag bei einer Expertenanhörung der Grünen-Bundestagsfraktion. Diese kann als neutral gelten, weil ihre Abgeordneten uneins über eine rechtliche Regelung sind und zu dem Gespräch die Vertreter von stark abweichenden Meinungen eingeladen hatten. Da erwies sich, dass es bei der Weltgesundheitsorganisation überhaupt keine belastbaren Daten zu den Risiken gibt und dass in Deutschland die Bilanz sogar rundum positiv ist: Im Jüdischen Krankenhaus Berlin hat es bei 5000 Beschneidungen nur einen einzigen Fall gegeben, bei dem eine Komplikation in Form einer verstärkten Blutung auftrat, welche rasch und ohne weitere Probleme gestillt werden konnte.

Im Übrigen gibt es überhaupt keine Erkenntnisse dazu, welche Ergebnisse sich einstellen, wenn es für die Beschneidungspraxis so hohe medizinische Anforderungen gibt, wie sie nun im Eckpunktepapier von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vorgesehen sind. Demnach soll die Beschneidung stets nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen werden. Ob da überhaupt noch Grund besteht, ernsthafte Komplikationen in größerem Ausmaß zu befürchten, ist völlig unklar. Der Grünen-Rechtspolitiker Jerzy Montag fasst das Expertengespräch so zusammen: „Unsere Anhörung hat ergeben, dass es keine gesicherten Erkenntnisse über das Ausmaß der Schmerzen und die Komplikationsrate bei dem Eingriff gibt.“ Auf statistische Daten könne man „die Argumentation daher nicht stützen“.

( mka/P.K. )