Kirche

Der Vatikan macht kurzen Prozess

Die Verhandlung in der Vatileaks-Affäre könnte bald beendet sein: Nächste Woche soll der Ex-Kammerdiener des Papstes aussagen

Der erste Sitzung im „Prozess des Jahres“ dauert 135 Minuten, in denen vor allem der Verlauf des weiteren Verfahrens zur Aufklärung der Dokumentenflucht in den „Vatileaks“ des päpstlichen Palastes festgelegt wird. Paolo Gabriele, der ehemalige Kammerdiener des Papstes und hauptbeschuldigt, geständige Meisterdieb, muss sich mit keinem Wort selber äußern. Er war in Begleitung eines Gendarmen im Gerichtssaal erschienen. Im eleganten grauen Anzug, weißem gestärktem Hemd, passender Seidenkrawatte, das Haar frisch frisiert – gefasst, ruhig, still, leicht blass, mit verschränkten Armen und angespanntem Gesicht. Er sitzt auf einer Bank auf der rechten Seite des kleinen Saals, die Augen meist niedergeschlagen. Hebt er sie, sieht auf der Wand ihm gegenüber von einem Foto Benedikt XVI. auf ihn hernieder. Dieser habe ihn „wie einen Sohn geliebt“ hat, wie Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone kürzlich sagte, und den er dennoch Jahre lang bestohlen und betrügerisch getäuscht hat. „Viel Glück!“ twittert Gianluigi Nuzzi, der Journalist, der ihn mit dem Bestseller, den er aus Gabrieles Diebesgut zusammen leimte, im Mai hinter Gitter brachte, „wir lassen dich nicht allein!“ Darauf wird sich Gabriele heute wohl nicht mehr verlassen.

Strengste Sicherheitsvorkehrungen

Eine kleine Glocke klingelt um 9.30 Uhr, dann eröffnet Präsident Giuseppe Dalla Torre pünktlich den Prozess in dem kleinen Saal im Palazzo dei Tribunali hinter dem Petersdom. Es ist ein unspektakulärer Anfang nach einem höchst strengen Sicherheits-Scan, in dem jeder Kugelschreiber aller zugelassenen Gäste einzeln untersucht wurde. Kameras sind verboten, Fotoapparate dito, natürlich auch Smartphones und Telefone. Zunächst wird der Prozess gegen den mitangeklagten Computerspezialisten Claudio Sciarpelletti vom Verfahren gegen Paolo Gabriele als Hauptbeschuldigten abgetrennt. Sciarpelletti ist erst gar nicht erschienen und lässt durch seinen Anwalt auf „unschuldig“ plädieren. Im Grunde gehe es bei ihm nur um ein bei ihm aufgefundenes Couvert mit Dokumenten aus der Hand des Kammerdieners, die er von ihm oder einem Monsignore erhalten haben will. Gabriele habe er zwar gekannt, aber von einer Freundschaft zu ihm könne keine Rede sein. Gabriele nickt zustimmend .

Dann werden andere Verfahrensfragen geklärt. Ein Artikel des Korrespondenten einer deutschen Tageszeitung zu der Causa solle aus dem Aktenkonvolut heraus genommen werden, verlangt Cristiana Arru, die Anwältin Gabrieles. Der Bericht sei nicht gerichtsrelevant und gehöre zudem nicht zu den Dokumenten, die bei Gabriele sicher gestellt worden seien. Dem Antrag wird stattgegeben. Die Überwachungskamera allerdings, die die Gendarmerie auf Anweisung Richter Bonnets vor dem Appartement Gabrieles installiert hat, um während seines Hausarrrests, all Besucher und Bewegungen vor seiner Tür zu registrieren, bleibt trotz Protest der Anwältin eingeschaltet. Auch der Bericht der vom Papst persönlich eingesetzten Kardinalskommission wird vor dem Gericht des Vatikanstaates weder heran gezogen werden können noch zugelassen.

Der Scirocco hängt über Rom, ein feuchter, bedrückender und für die Jahreszeit viel zu warmer Wüstenwind aus Afrika, der alle Autos bei jedem Regen mit puderfeinem gelbem Staub überzieht. Es ist der Festtag der Erzengel Michael, Raphael und Gabriel, und also auch fast so etwas wie der Namenstag des Ex-Kammerdieners – wenn Gabriele denn sein Taufname wäre. Doch „Paoletto“ wurde auf den Namen des Apostels Paulus getauft und nicht auf den des Erzengels. Vielleicht hat er ja aber auch da wieder etwas ganz falsch verstanden. Denn der Erzengel Gabriel ist ja auch der Patron aller heiligen Verkünder, und als solcher fühlte er sich wohl offensichtlich berufen. Sechs Jahre stand er im Schatten des Papstes im Focus der Öffentlichkeit, und das ist ihm wohl nie bekommen. Jetzt steht er ganz allein in diesem Focus, und es muss plötzlich ein Albtraum sein, für ihn und seine Familie, wie ein Freund des Hauses der Nachrichtenagentur ANSA verraten hat. Vor dem Pressesaal des Vatikans stauen sich die Kamerateams fast wie beim letzten Konklave, in dem nach dem Tod Johannes Paul II. wieder ein neuer Papst gewählt werden musste. Im Grunde ist der schlichte Mann seit Jahren heillos überfordert.

Jetzt scherzt er noch in der Pause leicht verkrampft mit seiner Anwältin, doch das wird sich vielleicht ändern, wenn er am kommenden Dienstag selbst Rede und Auskunft stehen muss. Von den zwölf geladenen Zeugen sitzen am Sonnabend schon acht im Gericht, vor allem aus den Reihen der Gendarmerie, die ihn fest genommen hat und dabei 82 verschiedene Behälter mit entwendeten Objekten bei ihm in der Wohnung sicher gestellt haben. Einer der noch fehlenden Zeugen wird Prälat Georg Gänswein sein, der deutsche Privatsekretär des Papstes, der mit Paolo Gabriele so eng zusammen arbeitete wie vielleicht kein anderer und der ihn schließlich des schweren Diebstahls überführte, für den ihm hier nun der Prozess gemacht wird. Dann wird es vielleicht nicht mehr so familiär und undramatisch zugehen wie am ersten Tag, an dem es hier im Gericht noch nach einem ganz normalen Prozess in nüchterner Atmosphäre aussieht, mit Richtern in schwarzen Togen und Zeugen, die sich untereinander zu kennen scheinen wie aus einer großen Familie. Um 11.45 ist die erste Sitzung zu Ende. Der Prozess geht am Dienstag weiter, mit voraussichtlich vier weiteren Sitzungen in der Woche vor dem 7. Oktober.