Bürgerkrieg

Das Aufbäumen der syrischen Rebellen

Bomben mitten in Damaskus: Die Widerstandskämpfer greifen zu spektakulären Aktionen. Doch Assads Truppen behalten die Oberhand

Ein weißer Kleinbus fährt auf einer dicht befahrenen Schnellstraße auf die rechte Seite. Er reduziert das Tempo, und bevor er vor dem Armeehauptquartier der Luftwaffe zum Stehen kommt, drückt der Selbstmordattentäter den Zünder. Der Wagen wird in tausend Stücke gerissen. Das zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera von einem gegenüberliegenden Gebäude. Laut Aussagen der syrischen Regierung starben die vier Wachen am Eingangsportal, weitere 14 Soldaten sollen verletzt sein. Nach der Autobombe folgte eine zweite Explosion aus dem Innern des Geländes.

Die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), die die Verantwortung für den spektakulären Anschlag am Umayyaden-Platz übernahmen, behaupteten, es habe weit mehr Opfer gegeben. Auf einer FSA-Facebookseite hieß es, Kämpfer seien auf das Militärgelände vorgedrungen und hätten Regimetruppen angegriffen. Das würde den stundenlangen Schusswechsel erklären. Dabei war Maya Nasser von einem Rebellenscharfschützen tödlich getroffen worden. Der iranische Journalist hatte live für den Fernsehsender Press TV seiner Heimat berichtet. Als zweiter Urheber des Anschlags meldete sich eine islamistische Gruppe namens Tajamo Ansar al-Islam.

Der Angriff der Rebellen im Herzen von Damaskus beweist, wie brüchig die Sicherheit in der syrischen Hauptstadt ist. Die Metropole ist fest in der Hand des Militärs, nachdem die Regierung im Juli eine Rebellenoffensive erfolgreich zurückgeschlagen hat. Kein Platz, keine Ausfahrtstraße, kein Viertel, an dem nicht ein mit Sandsäcken verbarrikadierter Militärposten steht. Tausende von Soldaten, die rund um die Uhr mit großem Eifer Wache schieben.

Hektisch und aggressiv kontrollieren sie Ausweise, durchsuchen Taxis. Im Gürtel eine Browning-High-Power-Pistole und um die Schulter eine Kalaschnikow. Ein Regime in Auflösung sieht anders aus. Aber die Soldaten sind nervös. Jederzeit können sie, ihre Kasernen, ihre Stützpunkte oder auch Polizeistationen angegriffen werden.

Attentate häufen sich

Im Laufe dieser Woche hatte es bereits zwei Attentate geben. Am Dienstag auf eine Schule, die nach Rebellenangaben als Hauptquartier der Schabiha, der „Geister“-Milizen, benutzt wurde. Diesen paramilitärischen Hilfstruppen der Regierung werden die blutigsten Massaker des mittlerweile seit 18 Monaten andauernden Bürgerkriegs angelastet. Am letzten Sonntag explodierte eine Bombe, versteckt in einer schwarzen Tasche auf einer Fußgängerbrücke. Unweit des Hotels „Vier Jahreszeiten“, in dem an diesem Tag das Treffen des Nationalen Koordinationskomitees für demokratischen Wandel in Syrien (NCC) stattfand. Für die FSA und deren politische Vertretung, den Syrischen Nationalrat mit Sitz in Istanbul, ist das NCC ein Freundschaftsbund von Präsident Baschar al-Assad, also eine Organisation von Verrätern.

Das NCC ist ein innersyrisches Oppositionsbündnis, das sich aus 13 linksgerichteten, drei Kurdischen und einer islamistischen Partei sowie unabhängigen politischen Aktivisten zusammensetzt. Viele seiner Mitglieder saßen jahrelang als Systemkritiker im Gefängnis. Andere wurden bei Protestdemonstrationen verhaftet oder prophylaktisch eingesperrt. Ahmed al-Assraui, eines der Mitglieder des 25-köpfigen Exekutivrats des NCC, war im Juli vom Sicherheitsdienst abgeholt worden und saß sechs Wochen in Haft. „Unterstützung der FSA“ wurde ihm vorgeworfen. Der 60-Jährige ist Vater zweier erwachsener Kinder, die ebenfalls Bekanntschaft mit dem Gefängnis machen mussten. „Mein Sohn wurde einmal und die Tochter sogar drei Mal verhaftet“, erzählt der al-Assraui stolz und lachend zugleich. „Wegen der Teilnahme an Demonstrationen.“

Das Stigma des Verrats des NCC dürfte dreierlei Gründe haben: Sie wird vom Regime geduldet, tritt für eine friedliche Lösung des Konflikts in Syrien ein und kritisiert die Rebellen der FSA. „Für unser großes Oppositionstreffen haben die Russen eine Garantie von den syrischen Behörden erwirkt, dass es ohne Zwischenfälle stattfinden kann“, erklärt Edmond Dawasch, ein NCC-Aktivist im Büro der Organisation. „Wir fordern bedingungslosen Waffenstillstand, Freilassung aller politischer Gefangenen und freie Meinungsäußerung für Verhandlungen mit dem Regime“, so Dawasch. Den Rebellen würde die Idee einer friedlichen Lösung nicht gefallen, meint der gelernte Zahntechniker. „Sie wollen ausschließlich mit Gewalt Assad und sein Regime stürzen.“ In der FSA gäbe es zu viele islamistische Gruppierungen. Trotzdem: „Die FSA ist zwar schlecht, aber das Regime ist schlechter.“

Wo die Fronten verlaufen, wird dabei immer unklarer. Am Mittwoch präsentierte die Regierung fünf zu den Rebellen übergelaufene Soldaten und sechs Zivilisten, die zurück auf die Regierungsseite wechselten. „Wir haben beschlossen, zur syrischen Armee zurückzukehren“, sagte Oberstleutnant Khaled Abdel Rahman in Damaskus. „Es kann keine Lösung mit Waffen und durch den Tod Unschuldiger geben.“

Sieg immer unwahrscheinlicher

Sicherlich eine Propagandashow des Regimes, aber die „Heimkehrer“ sind ein Produkt des nationalen Koordinationsbüros für Versöhnung, das seit Anfang dieses Jahres arbeitet. Eine Initiative von über 2000 Vertretern der syrischen Zivilgesellschaft. „Wir bieten einen Weg zurück in die Gesellschaft“, sagt Scheich Habib al-Fendi, der Sprecher des Koordinationsbüros. „Bisher haben wir mehr als 100 Rebellen zurückgeführt“, versichert der Scheich. Ein Erfolg, der mit der militärischen Lage zu tun haben dürfte. Die Rebellen wurden in Damaskus und in ihrer Hochburg in Homs geschlagen, in Aleppo befinden sie sich mehr und mehr auf dem Rückzug. Der grandiose Sieg der Revolution ist momentan in weite Ferne gerückt.

Und Assad weiß das. Er ließ am Donnerstag an Rebellen Textmitteilungen auf ihre Mobiltelefone schicken. „Game over“ („Das Spiel ist aus“), hieß es beim offensichtlichen Versuch einer psychologischen Kriegsführung. Zudem wurden die Aufständischen aufgefordert, ihre Waffen zu übergeben. Der Countdown zur Vertreibung ausländischer Kämpfer habe begonnen. Unterzeichnet waren die SMS-Botschaften mit „Syrisch-Arabische Armee“.