Personalien

Grünes Schaulaufen in der Kalkscheune

Auf ihrer Tour durch Deutschland stellen sich 15 Kandidaten zwei Stunden der Berliner Parteibasis

Interessiert, informiert, kritisch aber auch mal launig – so zeigt sich die Grünen-Basis aus Berlin und Brandenburg am Sonntag beim 2. Urwahlforum in Berlin. Knapp zwei Stunden lang haben die rund 350 anwesenden Grünen-Mitglieder Gelegenheit, 12 der 15 Bewerber für das Grünen-Spitzenduo zur Bundestagswahl 2013 auf den Zahn zu fühlen. Dabei werden fast alle aktuellen Themen von Energiewende über Altersarmut und Rente mit 67 bis ESM-Rettungsschirm, Ehegattensplitting und Homo-Ehe abgefragt.

Neben acht bundesweit fast unbekannten Kandidaten stellen sich die vier prominenten Bewerber – Parteichefin Claudia Roth, die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin sowie Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt den Fragen der Basis in der überfüllten Kalkscheune in Berlin-Mitte. Bei der Vorstellungsrunde in jeweils zwei Minuten bekommen Roth, Trittin und Künast den meisten Beifall. Die Profis spulen ihr bekanntes Parteiprogramm in den Antworten ab.

Franz Spitzenberger hat sich viel vorgenommen: „Lasst uns die Grünen erneuern“, ruft der oberbayerische Parteiaktivist unverdrossen in den Raum. Applaus. Ob das aber reicht, um genug Stimmen der Basis zu bekommen? Der junge Politik-Student Nico Hybbeneth (22) aus Wiesbaden und Coach Werner Winkler (48) aus dem baden-württembergischen Waiblingen erhalten mehr Zwischenapplaus für ihre teils witzigen, teils nachdenklichen Antworten. So bekennt Winkler als einziger, dass er am liebsten zusammen mit Künast als neues Spitzen-Duo auftreten würde. „Sie kann besser reden als ich. Dafür habe ich die besseren Ideen.“

Hybbeneth kritisiert bereits zu Beginn Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck für seine Aussage, man müsse die unbekannten Kandidaten nicht ernst nehmen. „Damit bezeichnet er eine Urwahl als überflüssig“, sagt der Student. Sich selbst empfiehlt er als Kandidaten, weil die Grünen in seinen Augen stagnieren. „Die Partei bietet heute zu wenig Identifikationspotenzial und wird als leicht spießig angesehen. Der Partei fehlen junge neue Gesichter“, sagt Hybbeneth.

Trittin und Göring-Eckardt verwahren sich gegen die Einschätzung von Forsa-Meinungsforscher Manfred Güllner, die „grüne Diktatur“ gefährde „den zweiten Versuch, die Demokratie in Deutschland dauerhaft zu etablieren“. Der Kampf der Grünen für mehr Demokratie, Bürgerbeteiligung und Ökologie habe nichts mit einer Diktatur zu tun, sagt Göring-Eckardt. Das könne sie als Ostdeutsche besser beurteilen als Güllner.

Berlin ist die zweite Station des Kandidaten-Schaulaufs. Den Auftakt hat am Freitagabend Hannover gemacht. Dort ging den unbekannten Bewerbern von der Basis rasch die Luft aus, als es um komplexe Themen wie Euro-Krise oder Syrien-Konflikt ging. Routinier Trittin thronte in der Mitte der Bühne, eingerahmt von Roth und ihrer Mitbewerberin, Fraktionschefin Künast. Diese kokettierte mit ihrer Bekanntheit: „Ich bin dann mal so frei und sage, ich heiße Renate.“

Bis zum 8. Oktober sollen sich die Bewerber in den Landesverbänden vorstellen, bevor die rund 60.000 Parteimitglieder per Briefwahl darüber entscheiden, mit welchen beiden Spitzenkandidaten die Partei in die Bundestagswahl 2013 geht. Bis zum 30. Oktober läuft die Abstimmung, am 9. November, rechtzeitig vor dem Grünen-Bundesparteitag in Hannover, soll dann das Ergebnis vorliegen. Gewählt werden zwei Frauen oder ein Mann und eine Frau.