Literatur

Stoiber bastelt an seinem eigenen Mythos

In seiner Autobiografie verzichtet der Kandidat von 2002 darauf, schmutzige Wäsche zu waschen

So hatte Edmund Stoiber sich das nicht vorgestellt. Drei Jahrzehnte lang hatte der CSU-Politiker die bayerische und deutsche Politik entscheidend mitgeprägt und wollte sie auch weiter gestalten, als ihn die eigenen Parteifreunde aus den Ämtern drängten. Genau fünf Jahre nach seinem Rückzug als CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident veröffentlicht er nun seine Erinnerungen: Am Montag erscheint sein Buch mit dem Titel „Weil die Welt sich ändert“.

Mit Spannung erwartet wurde insbesondere Stoibers Schilderung der Umstände seines Sturzes bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion 2007 in Kreuth. Dort war deutlicher Unmut über den Parteichef laut geworden. Als sich dann der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein und Wirtschaftsminister Erwin Huber einigten, Stoiber als Doppelspitze zu beerben, kündigte er seinen Rückzug an.

Allerdings trägt Stoiber wenig zum Verständnis der Ereignisse bei. Während Beckstein im vergangenen Jahr in einem Buch seine Sicht des Sturzes dargelegt und sich gegen Darstellungen gewandt hatte, es habe einen „Putsch“ gegeben, verzichtet Stoiber auf eine Schilderung seines Rückzugs. „Natürlich kenne ich die Erwartungen an dieses Buch, aus dem Kreuther Nähkästchen zu plaudern. Nur: Viel ist nicht drin in diesem Nähkästchen, war doch die Öffentlichkeit Zeuge und in diesen Tagen des Januar 2007 gewissermaßen live dabei“, schreibt der ehemalige CSU-Chef. „Und im Interesse unserer Partei liegt es mit Sicherheit nicht, die damaligen Diskussionen noch einmal auf die Bühne zu holen.“

Gabriele Pauli wird nicht erwähnt

Stoiber begnügt sich damit, seine eigene Interviewaussage von 2007 zu zitieren, dass er nicht von sich aus seine Ämter „zur Verfügung gestellt habe oder zur Verfügung stellen wollte“. Weder geht er auf die Gründe für den damaligen parteiinternen Unmut über ihn ein, noch erwähnt er die frühere Fürther Landrätin Gabriele Pauli (damals CSU), deren Bespitzelungsvorwürfe seinen Sturz zumindest beschleunigt hatten.

Seinen überraschenden Verzicht auf ein Ministeramt im Bundeskabinett im Jahr 2005 erläutert Stoiber ausführlicher, ohne jedoch wesentlich Neues zu schreiben. Am Ende habe sich bei ihm die Erkenntnis durchgesetzt, „dass ein CSU-Vorsitzender, der zugleich bayerischer Ministerpräsident ist, nicht nach Berlin gehen sollte, sondern für die CSU und Bayern außerhalb der Kabinettsdisziplin mehr bewirken kann“. Auf die Spekulationen, dass er verärgert über CDU-Chefin Angela Merkel gewesen sei, weil sie sich beim Tauziehen um den genauen Zuschnitt seines geplanten Superministeriums nicht gerade intensiv für ihn eingesetzt habe, geht Stoiber nicht ein. Zumindest erfährt der Leser, was beim legendären Wolfratshausener Frühstück aufgetischt wurde, bei dem Merkel dem damaligen CSU-Chef die Kanzlerkandidatur angeboten hatte. „Ich muss zugeben, das war mir an diesem Morgen nicht besonders wichtig.“ Aber gemeinsam mit seiner Frau habe er rekonstruiert, „dass es wohl frische Semmeln, Butter, Marmelade, Honig sowie etwas Käse und Wurst gab“.

Dem 70-Jährigen geht es bei seinem Buch nicht um Enthüllungen, er will keine schmutzige Wäsche waschen. Vielmehr steht die Würdigung seiner eigenen Lebensleistung im Vordergrund. Zudem thematisiert er aktuelle Fragen: von der Euro-Krise bis zu den Herausforderungen der digitalen Welt. Es ist ein Buch, mit dem Stoiber am eigenen Mythos eines visionären Ausnahmepolitikers bastelt.