Interview

„Ich bin eine eigenständige Frau“

Michelle Müntefering über die Bürde des großen Namens und ihre Pläne für den Bundestag

Sie trägt einen großen Politikernamen: Michelle Müntefering, geborene Schumann, ist die Frau von Franz Müntefering. Sie will wie ihr Mann, der einst die SPD führte und Vizekanzler war, in die Bundespolitik. Den ersten Schritt hat sie gemacht. Müntefering ist Direktkandidatin in einem für Sozialdemokraten aussichtsreichem Wahlkreis. Von 2013 an könnte Frau Müntefering im Bundestag sitzen, vielleicht mit ihrem 40 Jahre älteren Mann. Kristian Frigelj sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost:

Herzlichen Glückwunsch, Frau Müntefering, Sie sind als Kandidatin für den Bundestagswahlkreis Herne/Bochum II aufgestellt worden. Was überwiegt: Freude über den Erfolg oder Schrecken über die Härte der Auseinandersetzung?

Michelle Müntefering:

Die Auswahl einer Bundestagskandidatin kann eine spannende und manchmal kontroverse Sache sein. So ist Demokratie: anstrengend, aber gut.

Ihre erste große Bewährungsprobe?

In über zehn Jahren als stellvertretende Vorsitzende der SPD Herne habe ich mich schon einige Male zur Wahl stellen müssen. Aber jetzt war das schon etwas ganz Besonderes. Das gibt mir Rückenwind für den Wahlkampf.

Sie haben in Ihrer Bewerbungsrede gesagt, Sie wollen nicht nur wegen Ihres Namens gewählt werden. Haben Sie Sorge, nur auf die Ehefrau von Franz Müntefering reduziert zu werden?

Das eine oder andere Mal hat das eine Rolle gespielt. Ich bin gefragt worden, ob das von Vorteil oder Nachteil ist, und ich wollte einfach betonen, dass ich eine eigenständige, politisch denkende junge Frau bin.

Sie haben mit Ihrem Namen natürlich medial eine größere Durchschlagskraft.

Ich nutze die Aufmerksamkeit als Werbung für meine Heimatstadt und für das Ruhrgebiet, das sich unter Wert verkauft. Diese Industrieregion hat zum Wirtschaftswachstum des gesamten Landes beigetragen und verdient Respekt.

Haben Sie überlegt, ob Sie nach der Heirat Ihren Mädchennamen Schumann beibehalten? Oder war sofort klar, dass Sie den Nachnamen ihres Mannes annehmen?

Na klar. Das ist eine private Überlegung, über die wahrscheinlich jeder nachdenkt, der heiratet. Ich wollte den gleichen Namen tragen wie mein Mann, weil das für mich ein Zeichen für Familie ist.

Sie werden oft mit Doris Schröder-Köpf verglichen, die für den Landtag Niedersachsens kandidiert. Nervt Sie das?

Das nervt mich nicht. Denn ich habe Doris Schröder-Köpf als eine kluge und moderne Frau kennengelernt. Sonst sind wir so unterschiedlich wie es Menschen eben sind. Die Öffentlichkeit sollte sich daran gewöhnen, dass Frauen von ihren Männern unabhängig ihr eigenes berufliches Leben führen. Diese Entwicklung ist gut. Hannelore Kohl hat fünf Sprachen gesprochen und war wohl auch sehr intelligent. Schade, dass sie zeitlebens im Schatten ihres Mannes stand. Vielleicht wäre Deutschland heute sonst schon weiter.

Was für eine Politikerin ist denn Frau Müntefering?

Ich komme aus dem Ruhrgebiet, mache Kommunalpolitik. Da muss man vor allem direkt sein, das normale Leben der Menschen kennen. Kommunalpolitik hat immer damit zu tun, die alltäglichen Bedürfnisse der Menschen aufzugreifen. Sich zu kümmern. Das ist etwas, was die SPD im Ruhrgebiet und wohl auch mich auszeichnet.

Was können Sie davon in die Bundespolitik einbringen?

Ich kenne die Not der Städte und die Bundespolitik und weiß, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss. Die Kommunen brauchen mehr Entlastung bei den Eingliederungshilfen von Menschen mit Behinderungen, für Stadtentwicklung, für Bildung und Integration. Da kann Berlin einiges tun.

In Ihren Bewerbungsreden klang Kritik an der Agenda 2010 immer wieder durch. Ist die frühere SPD-Regierungspolitik überholt?

Ich sehe natürlich die Probleme, die wir heute haben. Wenn es da Korrekturbedarf gibt, auch an Gesetzen, die wir als SPD zu verantworten haben, dann sollte das kein großes Problem sein. Die Leiharbeit zum Beispiel: Sie war gedacht für die kleinen Unternehmen, die sich kurzfristig Personal dazu holen sollten. Was ist daraus geworden? Große Unternehmen gründen eigene Subunternehmen mit Leiharbeitern, die schlecht bezahlt werden. Das geht nicht. Das muss man jetzt verhindern. So war es nie gedacht.

Wie wird über die Agenda-Politik im Hause Müntefering diskutiert?

Das ist ein politischer Diskurs, dem sich mein Mann als SPD-Politiker genauso stellt wie ich. Das nimmt keiner von uns persönlich. Natürlich verändert man Ansichten, und manchmal ist man nicht einer Meinung. Politik und Demokratie, das ist ein Prozess. In der Politik ist nichts in Stein gemeißelt, das sind nicht die zehn Gebote, die für alle Zeit bestehen bleiben.

Sie haben eine große Chance, nächstes Jahr in den Bundestag zu ziehen, weil Ihr Wahlkreis in einer traditionellen SPD-Hochburg liegt. Haben Sie Angst vor der Berliner Bühne?

Ich muss ja 2013 erst einmal gewählt werden. Ich habe in der Kommunalpolitik gelernt, das Wort zu führen. Für mich ist klar: Als Neuling kann man im Bundestag nicht eben mal die Welt verändern. Ich weiß, wie man an gute Informationen kommt, wie der wissenschaftliche Dienst funktioniert. Ich weiß, dass es eine Fraktion gibt. Und man kann drängen und fordern, man kann Verbündete suchen.

Könnte es sein, dass nach der Bundestagswahl 2013 Frau und Herr Müntefering nebeneinander in der SPD-Bundestagsfraktion sitzen?

Franz hat noch nicht erklärt, ob er weitermachen will. Er hat gesagt, dass weiß nur er allein. Das will ich mal so stehen lassen.