Bildung

Regierung startet Kampagne gegen Analphabetismus

Mehr als 14 Prozent der Deutschen können nicht oder nur in Ansätzen lesen und schreiben

7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren können hierzulande nicht richtig lesen und schreiben, mehr als 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Dieses erschreckende Fazit zog eine große Studie der Universität Hamburg im vergangenen Jahr.

Als Reaktion wurde die vom Bund mit 20 Millionen Euro unterstütze „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“ gegründet. Teil des Programms ist die Mittwoch in Berlin gestartete Alphabetisierungskampagne „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, will mit TV-Spots und Plakaten zukünftig bei der Enttabuisierung des Problems helfen. „Der erste Schritt dazu sind Aufklärung, Ermutigung und Hinweise auf Erfolgsgeschichten“, sagte sie auf der Pressekonferenz. Im Fokus der Kampagne stehen die sogenannten funktionalen Analphabeten. Anders als primäre Analphabeten, die nie lesen und schreiben gelernt haben, und sekundäre Analphabeten, die es gelernt, aber wieder verlernt haben, können sie zwar Wörter erkennen und einzelne Sätze lesen und schreiben, doch längere Texte nicht gut verstehen.

Laut der Hamburger Studie haben nur knapp 20 Prozent von ihnen keinen Schulabschluss und gut 60 Prozent gehen einer regelmäßigen Arbeit nach. Das bedeutet, dass der berufliche Status nicht allzu viel über die Lese- und Schreibkompetenz aussagt. Auch ist Analphabetismus längst nicht nur ein Problem von Migranten – rund 40 Prozent der Analphabeten haben keinen Migrationshintergrund. Weiterhin ist ein Drittel aller Analphabeten zwischen 50 und 64 Jahre alt. „Die Studien zeigen, dass Analphabetismus ein erstaunliches Problem in Industrieländern ist, und zwar quer durch die Generationen“, sagte Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes. Die Volkshochschulen decken derzeit fast 90 Prozent der Lernangebote für erwachsene Analphabeten ab, doch nur etwa 20.000 Betroffene jährlich nutzen bisher diese Möglichkeit. Das soll sich nun ändern. Rund 20 Prozent mehr Kursteilnehmer will Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres mit der Kampagne gewinnen. Parallel dazu soll das Kursangebot vervielfältigt werden. Erste Lernerfolge gibt es oft schneller, als die Betroffenen selbst erwarten.

Wer zu Beginn eines Kurses einige Buchstaben kennt und vier Stunden in der Woche lernt, kann nach einigen Monaten schon viele Wörter lesen. Wer Probleme hat, ganze Sätze zu lesen, wird in der gleichen Zeit lernen, kürzere Texte flüssig zu lesen. „Wenn die Betroffenen dann lesen und schreiben können, sind das veränderte Menschen“, sagte Rita Süssmuth. „Sie haben ein ganz anderes Selbstwertgefühl.“